Laurens und die "schwarze Portugiesin"

"Der lachende Engel" Ein Roman von Ida Vos über eine jüdische Identitätssuche

"Ich habe dich schon öfter beobachet. Du bist der Junge nach dem ich lange gesucht habe." Mit diesem Satz verändert Maarten Schilder das Leben des dreizehnjährigen Laurens Beemsterboer vollkommen. Der Junge erfährt von dem alten Mann, der im zweiten Weltkrieg im Widerstand war und Kinderleben gerettet hat, dass er in Wirklichkeit Jude ist, dass er Daniel Duarte Rodrigues heißt und dass seine Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht.

Ida Vos erzählt in ihrem Buch Der lachende Engel aus drei verschiedenen Zeitabschnitten. Aus dem 16. Jahrhundert schildert sie das Schicksal des Dienstmädchens Maria Mattea aus Alkmaar, das Treffen des Jungen Laurens mit dem alten Mann in derselben Stadt findet im Jahr 1954 statt und im Jahr 2000, also 25 Jahre später, als Laurens längst erwachsen ist, führt sie die beiden Geschichten zweier Juden aus verschiedenen Jahrhunderten zusammen.

Maria Matteas Geschichte beginnt im Jahr 1598. Sie arbeitet als Kindermädchen bei der Familie van Houwelinghe, die an der Oudegracht in Alkmaar lebt. Sie kümmert sich um den Nachwuchs der Familie, Beatrjis, Mariken und Roderick. Sie ist beliebt in der Familie. Aber sie gerät auch in Schwierigkeiten. Die anderen Dienstmädchen verdächtigen sie der Hexerei, weil sie eine andere Hautfarbe hat. Sie wird deshalb auch "schwarze Portugiesin" genannt.

Im zweiten Teil des Buches erzählt Ida Vos die Geschichte von Laurens. Seine Mutter, bei der er lebt, hat ihn aufgenommen, als seinen leiblichen Eltern im zweiten Weltkrieg die Verhaftung drohte. Es fällt Laurens schwer, mit seiner neuen Identität zurecht zu kommen. Doch kann er sie akzeptieren, nachdem er die Briefe seiner Mutter an ihn gelesen hat - und das Tagebuch einer gewissen Mirjam Duarte Rodrigues-Sarphati, mit der er also weitläufig verwandt ist.

Es ist das Tagebuch von Maria Mattea de Marquez, in Form eines Briefes geschrieben an eine imaginäre Freundin sie Serafim nennt. Maria Mattea war nur ihr Deckname. Sie war vor der Inquisition aus Lissabon geflohen und musste dort ihren vier jährigen Bruder Baruch zurücklassen. Mirjam und ihre Familie waren Juden, die in ihrer Heimat als so genannte Marranos lebten. So wurden Juden genannt, die sich als Christen tarnten. Das schützte sie nicht vor der Verfolgung. Mirjam muss miterleben, wie ihre Eltern auf dem Rosarioplatz in Lissabon verbrannt werden und sieht im Weggehen auf der christlichen Kirche einen großen lachenden Engel: "Ich fühle, wie Wut in mir aufsteigt, Wut über dieses steinerne Geschöpf, das über alles lacht, was sich auf dem Rosarioplatz abspielt."

Mirjam entkommt und flieht in die Niederlande. Sie lebt sich nach einiger Zeit in Alkmaar ein, verliebt sich und heiratet. In Alkmaar kann sie dann auch den Tag der Befreiung erleben - vom 10. Mai 1604 an können Juden frei in Alkmaar leben.

Ida Vos erzählt diese Geschichte einer zweifachen Identitätssuche spannend und anschaulich. Sie schildert dabei auch, detailliert und für Jugendliche informativ, Lebensweise und Bräuche der jüdischen Kultur, die sich über die Jahrhunderte erhalten haben. Die Autorin, 1931 im niederländischen Groningen geboren, hat jüdisches Schicksal selbst erfahren. Sie musste während des zweiten Weltkriegs und der Besetzung der Niederlande untertauchen, um der Deportation zu entgehen. Krieg, Verfolgung und Diskriminierung sind die Themen ihrer Bücher geworden.

Ida Vos: Der lachende Engel. Sauerländer, Düsseldorf 2003. 160 S., 13,90 EUR


00:00 05.12.2003

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