Lauschangriff

Musikkolumne Kurz sind die Tage. Der Wind reißt von den Bäumen das Laub, sagen die Dichter. Ihre Übersetzer, die Musiker sagen es anders: Sie erweichen das Herz, ...

Kurz sind die Tage. Der Wind reißt von den Bäumen das Laub, sagen die Dichter. Ihre Übersetzer, die Musiker sagen es anders: Sie erweichen das Herz, öffnen es Zeichen, dem Dämmer, Gespenstern. Das ist die Zeit, da das Ich umgeht. Es sucht sich selbst und findet: Wege. Totensonntage gibt es nur jetzt, Momente, ungleich dem Zeitgeist. Denn der Zeitgeist hasst Trübsal. Er ist laubfrei, ohne Rauch, riecht nach Wellness und Body Lotion. So wie es ist, bleibt es nicht, sagte einmal jemand, den es nicht mehr gibt. Das kann auch heißen: Lächeln, wenn es, Blatt um Blatt, von den Bäumen segelt. Schön. Nur die schrillen Kulissen ewiger Jugend dort hinten überall, sie stören.

Da hilft am besten Schubert. Wie die Kerze im Zwielicht schimmern seine Melodien durchs Halblicht zwieschlächtiger Akkorde, nur scheinbar einfach, dem Volk liebevoll von den Lippen gestohlen. In der Litanei auf das Fest Allerseelen geht der Blick tränentrüb "hinüber", wo jene sind, die wir nur noch in Bildern lieben dürfen. Der Waliser Brynn Terfel singt sie wunderbar unangestrengt, textverständlich und inniglich, diese deutschen Lieder von Wonne und Wehmut, Fremdsein und Ruh´, in denen nichts fehlt, kein Erlkönig und keine Forelle, kein Wanderer und kein Tod und Mädchen (Deutsche Grammophon/Universal 445 294-2). Dagegen kennt den Schubert der großen Messen kaum jemand. Nikolaus Harnoncourt und das Chamber Orchestra Of Europe machen eindrücklich bekannt mit den gewaltigen Bläsersätzen, den reich gegliederten Chören der Missa solemnis Es-Dur, Sinfonik statt Frömmigkeit, Drama statt Liturgie. Im Credo hat Schubert die heilige Kirche weggelassen - er feiert, im Blick noch immer viel "hinüber", das schummrig hoffnungsfrohe Fest kanonischer Fleischwerdung (Teldec/Warner 0630-13163-2).

Das vom Weltgetriebe veranlasste Eindringen von Drama und Sonatenform in die Sakralmusik war zu Schuberts Zeit weit gediehen. "Mauern, Säulen und Fenster der Kirche", berichtet Haydns Biograph Georg August Griesinger über den Uraufführungsort von dessen Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuz, "waren vollständig mit schwarzem Stoff bespannt. Mittags wurden alle Türen geschlossen und die Musik setzte ein": Sieben seelenspannungsgeladene, abwechslungsreiche Adagios und Largos, gedacht als Zwischenmusiken zu sieben Bischofstexten, übersetzen sieben messianische Sätze in Herzenssprache. Das Mosaique Quartett, mit der Farbigkeit und Sprödigkeit alter Instrumente, mit der Eleganz und Impulsivität großen Könnens, übersetzt genau. Eine Musik, im Dunkeln zu spielen - im Dunkeln zu hören (Astree/Helikon E 8803).

"Denn alles Fleisch", so singt im pauken- und posaunendunklen Sarabenden-Marsch der Chor im zweiten Satz von Johannes Brahms´ Deutschem Requiem, "es ist wie Gras". Auch Brahms hat der Heiligen Schrift nur je die Sätze entnommen, die seinem Wesen von Religiösität entsprachen. So wurde namens der Vox humana aus Liturgie Poesie, aus Anbetung Melancholie und Trauer - und Andacht im Sinn von Innehalten, von Dasein als Durchströmtsein von Gegenwart. Eine "der großen Wahrheiten der Brahmsschen Musik" nennt der Musikwissenschaftler und Dirigent Peter Gülke Brahms´ Fähigkeit, zu trösten "die, die da Leid tragen". So scheint ein Grundmangel vieler Projekte der Aufklärung heilbar: Sie überließen ihre Anhänger im Trauerfall nur theoriegestützter Trostlosigkeit.

Reiche Erfahrungen mit älterer Musik von Bach bis Palästrina bringt der keineswegs auf Alte Musik reduzierte Belgier Philippe Herreweghe ein in die Interpretation der Brahmsschen Trostspende: Karges Vibrato mit durchsichtig luzidem Orchesterklang, Klarheit und Übersicht in den Fugen (La Chapelle Royale), unaufdringliche Intensität in den Solopartien (Christiane Oelze, Gerald Finley).

"Herr," bittet der Bariton im dritten Satz das Leben in uns und kehrt, im Einverständnis mit der Endlichkeit, die Trauer auch musikalisch ins Licht. "Lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss". Kann man es schöner wenden? (harmonia mundi/Helikon HMC 901608)

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00:00 15.11.2002

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