Lauschangriff 03/05

Kolumne Gerade letzte Woche war ich auf einer Party gezwungen, mir die Klagen eines Musikjournalisten anzuhören, der mir klar machen wollte, dass der neue ...

Gerade letzte Woche war ich auf einer Party gezwungen, mir die Klagen eines Musikjournalisten anzuhören, der mir klar machen wollte, dass der neue britische Gitarrenrock nicht originell sei. Ich sagte ihm, dass er zu alt sei, um das beurteilen zu können. Er habe keine sauberen Ohren mehr. Ich habe mich schon längst daran gewöhnt, dass bei Neuheiten alte Erinnerungen wach werden. Es gibt die legendäre Geschichte von Bob Dylans Debütalbum: Als die Platte veröffentlicht wurde, hat man sie als eine "billige Kopie von Woody Guthrie" abgewertet. Das alte Lied. Razorlight aus London sind gefundenes Fressen für die Originalitätspedanten. Ohne Mühe könnte man den Rest dieses Artikels mit Künstlernamen füllen, die als Inspiration für Razorlight dienten. Nicht mal Leute unter zwanzig würden es schaffen, keine Vergleiche anzustellen, weil die Band aus dem gleichen Umfeld kommt wie The Libertines, von denen kürzlich ein Gerücht wissen wollte, dass sie sich aufgelöst haben. Momentan teilen sich Franz Ferdinand und The Libertines den Ruhm in Großbritannien, was Gitarrenrock betrifft. Wer bedeutender ist, kann man nicht sagen. Es wäre, als müsste man beim Fußball entscheiden, ob Manchester United "wichtiger" als Arsenal London ist. Razorlight sind vielleicht zu spät dran, um in der Champions League mitspielen zu können. The Libertines und Franz Ferdinand haben nur das "Rock´n´Roll-Gewitter" vorweggenommen.

Dabei hatte Sänger und Songwriter Johnny Borrell einst sogar fünf Tage als Bassist bei The Libertines gespielt. Seine Band Razorlight kommt schließlich aus demselben Londoner Arbeiterviertel East End. Die Jungs von Razorlight haben den Appeal von Straßenkindern: Sie sehen aus, als ob sie in ihrer Jugend die Schornsteine Londons von innen kennen gelernt hätten und nicht so gut mit Seife umgehen könnten. Das Razorlight-Debütalbum Up all Night portraitiert die pittoreske Armut des Londoner Proletariats. Die versoffenen Rock´n´Roll-Träume vom Erfolg und vom aufregenden Sex ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk. "This town is full of counterfeit dreamers, and maybe I´m one too": Die Stadt ist voller gefälschter Träumer, vielleicht bin ich einer von ihnen, singt Johnny Borrell auf dem Titelstück, das einen Spaziergang durch die Londoner Straßen bis zum Sonnenaufgang darstellt.

Borrell hält sich für ein Songwriter-Genie. Ob das wirklich so stimmt, sei dahingestellt, die Lieder sind in der Tat qualitativ beständig. Gute Songs und eine leidenschaftliche Überzeugung sind eine gute Kombination. Die Arroganz von Bands wie Oasis hat mich persönlich nie gestört. Wieder ein Fußballmetapher: Wer guckt sich schon gerne einen Fußballspieler an, der sich nichts zutraut? Johnny Borrell hat schon öfter Bukowski in Interviews erwähnt. Das hätte wiederum Noel Gallagher von Oasis nie getan, der damit kokettiert, keine Bücher zu lesen. Ob Bukowski wirklich Einfluss auf das Debütalbum von Razorlight gehabt hat, würde ich bezweifeln. Dennoch zeugt das Verhalten von Ehrgeiz und Hunger nach Wissen. Das spricht für Razorlight, falls sie vorhaben sollten, den Horizont des Rock´n´Roll für uns zu erweitern. Razorlight wollen hoch hinaus. Wer den Mainstream-Produzenten Steve Lillywhite engagiert, der unter anderem U2 groß gemacht hat, weiß, was er tut. Die Aufnahmen sind auch fetter und sauberer als die der Libertines. Dennoch wollen die Razorlight-Jungs ihre Indie-Wurzeln nicht verleugnen. Das Lied Don´t go back to Dalston handelt von dem Libertines-Mitglied Pete Doherty, der wegen Drogensucht gefeuert wurde. Borrell ist mit Doherty befreundet, und er macht sich große Sorgen. Razorlights Songs handeln vom Heute im Londoner East End. Ein Stück auf dem Album heißt Rock´n´Roll Lies (Rock´n´Roll Lügen). Gerade das sind diese Songs nicht.

Nur Originalität bietet die Band eben kaum. Neben dem deutlich spürbaren Einfluss der bereits erwähnten Zeitgenossen spielt amerikanische Musik eine Rolle, besonders die aus New York City: The Strokes, Television, Patti Smith. Razorlights Song In the City ist wie eine aktuelle Version von Patti Smiths Song Gloria, der seinerseits auf einem Song von Van Morrisson basiert. Von Van Morrisson zu Patti Smith zu Razorlight: Wer hätte das gedacht? Die Rock´n´Roll Geschichte geht weiter.

Razorlight: Up all Night, Mercury (Universal)


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00:00 04.02.2005

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