Lauschangriff 03/06

Kolumne Eigentlich sollte ich mich weigern, über Bands zu schreiben, die gerade ihr Debütalbum veröffentlicht haben. Was ist, wenn man die Gruppe über alle ...

Eigentlich sollte ich mich weigern, über Bands zu schreiben, die gerade ihr Debütalbum veröffentlicht haben. Was ist, wenn man die Gruppe über alle Maßen lobt und zur Zukunft des Rock´n´ Roll erklärt, und es dann nicht mal eine zweite Platte gibt? Dann sieht der schwärmerische Journalist ein bisschen lächerlich aus. Es ist, als habe er Geld auf ein Pferd gesetzt, ohne sich lange genug mit der Leistung des Tieres beschäftigt zu haben.

Die Geschichte der New Yorker Band Clap Your Hands Say Yeah ist jedenfalls sehr reizvoll für Rock-Romantiker. Das Quintett kommt wirklich aus dem Herzen von Brooklyn. Es sind keine Mittelstandskids, die dahin gezogen sind, um hip zu wirken. Seit ein paar Jahren sind sie in der Liveclubszene ihrer Heimatstadt bekannt, aber sie hatten noch keinen Plattenvertrag. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda ist ihre Homepage bekannt geworden, und 2005 verkauften sie 25.000 Exemplare ihres selbstverständlich selbstproduzierten Debütalbums Clap your Hands Say Yeah online!

Allerdings sind die Subkultur-Tage der Gruppe gezählt. Am 20. Januar erschien das Werk ganz regulär in Deutschland, und sehr bald können wir die wahren Qualitäten von Clap Your Hands Say Yeah hierzulande prüfen. Die Band geht nämlich in Deutschland auf Tour.

Der Rock-Romantiker ist mit Clap Your Hands Say Yeah besonders zufrieden, weil sie so sehr nach New York klingen. Alec Ounsworths nasaler, neurotischer Gesang hört sich an wie der junge David Byrne auf den ersten Talking-Heads-Alben, ist aber immer noch eigenwillig genug, um nicht wie eine Kopie zu erscheinen. Man hat also keineswegs das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben, und dennoch verkörpern Clap Your Hands Say Yeah die New Yorker Musiktradition von Bands wie Television, Velvet Underground, Patti Smith, The Strokes oder Interpol. Das sind alles Künstler mit besonderem Flair. Clap Your Hands Say Yeah haben den angeborenen New Yorker Charme, sie sind tough und verwundbar zugleich, ohne dass das ein Widerspruch wäre. Sie wollen mehr als nur eine Indierockband sein und wie alle New Yorker hoch hinaus.

Das Album beginnt mit einem Orgel getriebenen pseudo-intellektuellen Manifest: "Clap your hands, but I feel so lonely, clap your hands, but I might look silly, clap your hands, but it don´t do nothing". Auch wenn die Texte nicht ganz verständlich sind, sind sie immer interessant und verlangen Aufmerksamkeit. Manchmal wirken die Songs verspielt, manchmal eher intensiv. Es gibt zwei Synthesizer, eine Leadgitarre, eine Rhythmusgitarre, Schlagzeug, Bass und Harmonika. Oft ist der Sound zu ungeschliffen. Wir können nichts anderes erwarten von einem Album, das im engen Sinne auf Art und Weise des Independent entstanden ist.

Es gibt eine herausragende Ballade, Details of the War, die wegen der Produktion nicht völlig zur Geltung kommt. Das Lied ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Clap Your Hands Say Yeah viel mehr als nur abgedroschene New Yorker Gitarrenriffs zu bieten haben. Auch wenn der Spaßfaktor der Platte hoch ist, spürt man eine sehr sensible Songwriter-Seite in ihrer Musik. In Details of the War singt Alec Ounsworth die Zeile "You´ll pay for your excessive charms" und erweckt den Eindruck, als ob er große Lebensmüdigkeit dabei empfindet. Es ist vor allem sein markanter Gesang, der die schwache Produktion wieder wettmacht.

Dieses Debütalbum ist also alles andere als perfekt. Die Instrumentalstücke zum Beispiel sind ziemlich überflüssig und führen nirgendwo hin, aber eine erste Platte ohne Fehler wäre ziemlich ungewöhnlich. Und bei aller New Yorker Hip- und Coolness vermitteln Clap Your Hands Say Yeah immer einen sehr menschlichen Eindruck. Das Schlussstück des Albums, Upon this tidal wave of young blood endet äußerst abrupt, als ob die Jungs die Nadel von der Platte gerissen hätten und sagen wollten: "Das reicht fürs Erste. Seid nicht gierig! Wir kommen wieder, und dann zeigen wir unser wahres Potenzial!"

Clap Your Hands Say Yeah am 15.2.06 in Hamburg (Tanzhalle St.Pauli); am 16.2. in Berlin (Postbahnhof); am 17.2. in Köln (Gebäude 9); am 20.2. München (Ampere).


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00:00 27.01.2006

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