Lauschangriff 10/04

Kolumne Früher wollte kein Mensch nach Island fahren. Ein Charterflug nach Mallorca schien immer die bessere Alternative zu sein. Inzwischen sind so viele ...

Früher wollte kein Mensch nach Island fahren. Ein Charterflug nach Mallorca schien immer die bessere Alternative zu sein. Inzwischen sind so viele Orte auf der Welt mit Massentourismus besetzt, dass Island erheblich an Reiz gewonnen hat: Das raue Klima und die karge Landschaft schrecken nicht mehr ab. Man macht sogar auf dem Weg nach New York dort Kurzurlaub. Island scheint gar nicht mehr so abgelegen, und auch die isländische Musik ist salonfähig geworden.

Allerdings waren es nicht die Touristen, die die einheimischen Klänge entdeckten, sondern das englische Independent Label One little Indian, das 1986 die Debütsingle Birthday von Björk´s Band The Sugarcubes auf den Markt brachte. Der Song war eine Offenbarung und die Isländische Rockmusik geboren. Zwar hatte es schon vorher Gruppen wie Kukl (Björks erste Band) gegeben, aber sie waren nur Eingeweihten bekannt gewesen. The Sugarcubes gingen 1992 wieder auseinander, aber Björk´s Karriere als die Shirley Bassey Islands war gesichert!

Björk, Sigur Ros, Gus Gus und Mum sind heute alles etablierte, isländische Namen in der internationalen Musikszene. Mum haben gerade ihr drittes Album Summer make Good herausgebracht. Vom Anspruch her sind sie so etwas wie die geistigen Zwillinge von Björk - sie schwanken ständig zwischen Freude und Melancholie, und das vor romantischer, aber auch düsterer musikalischen Kulisse. 2000 war das Debütalbum Yesterday was dramatic, today is ok erschienen. Das Werk war atmosphärisch schön, aber zum Teil auch sperrig. Mit dem zweiten Album 2002 Finally we are no on wurde Mum allmählich verbindlicher. Diese Tendenz setzt sich auf der neuen Platte fort. Es gibt mehr Stücke mit traditionellen Songstrukturen als vorher, und die Instrumentierung ist "menschlicher" geworden. Sie verlassen sich weniger auf Samples und Beats. Elektronische Komponenten sind noch vorhanden, aber eben auch Trompete, Mandoline, Orgel, Banjo, Glockenspiel und Akkordeon. Inzwischen ist die Gruppe nur noch ein Trio. Am Anfang gab es die Zwillingsschwester-Sängerinnen Gyda und Kristin Anna Valtsdöttir. 2002 verließ Gyda Mum, um Cello zu studieren. Die Band hat sich durch den Verlust von Gyda nicht radikal verändert; ihre gespenstische Ausstrahlung ist immer noch da.

Kristin pendelt heutzutage zwischen Berlin und Reykjavik. Man hätte befürchten können, dass der neue Sound mit dem der hippen Berliner Band Wir sind Helden Ähnlichkeit haben könnte! Aber das ist nicht geschehen. Ganz im Gegenteil. Mit dem Trendbewusstsein Berlins hat die neue Platte gar nichts zu tun. Die Songs wurden in Galtarviti, an der Nordwestküste Islands, komponiert. Sie mussten angeblich drei Stunden laufen, um ein Netz für ihre Mobiltelefone zu bekommen, und sogar Bootsfahrten zum nächsten Lebensmittelgeschäft unternehmen. Die Aufnahmen entstanden innerhalb von sieben Wochen in einem unbewohnten Haus eines ehemaligen Leuchtturmwächters. Stellenweise hört man das Wetter auf dem Album: Wasser und Windgeräusche tauchen auf, aber auch Vinylknistern. Mum spielten die Songs durch alte Verstärker und alte Lautsprecherboxen ein, um damit Wärme und Intimität zu erzeugen. Die Sängerin Kristin hört sich wieder an wie die kleine Schwester von Björk: Elfenartig, mädchenhaft, niedlich, aber auch unheimlich. Weniger exzentrisch als Björk, verfügt sie letztendlich über eine geringere Variationsbreite der Stimme.

Ein Einwand: Bedeutende Poesie sind die Texte nicht. Aber sie tragen zur Atmosphäre bei. Die Formulierungen wirken eher albern: "I hope tonight you will touch my hair and draw ghosts on my back" (ich hoffe, Du wirst heute nacht meine Haare berühren und Gespenster auf meinem Rücken zeichnen). Vielleicht sind die Texte erst auf isländisch entstanden und verlieren etwas in der Übersetzung. Im Zweifel für den Angeklagten, möchte ich behaupten. Ohnehin ist das kleinliche Kritik an einer mutigen Band, die freiwillig auf einem Seil balanciert, weil sie den Horizont der Popmusik erweitern und trotzdem den Leuten gefallen will.

Mum sind in Deutschland auf Tour: 18.05 München-Feierwerk, 19.05 Nürnberg-k4, 24.05 Berlin-Maria am Ufer, 26.05 Hamburg-Westwerk, 5.06 Dresden-Star Club, 6.06 Frankfurt-Mousonturm


00:00 14.05.2004
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