Lauschangriff 10/05

Klassik-Kolumne Wenn es besonders streng nach Empfindung riecht in den Darbietungen der Medienlieblinge unter den Klassikkünstlern, ist die Musikkritik schnell bei ...

Wenn es besonders streng nach Empfindung riecht in den Darbietungen der Medienlieblinge unter den Klassikkünstlern, ist die Musikkritik schnell bei der Hand mit dem Attribut "beseelt". In Wahrheit handelt es sich dabei um eine Gemütslage, die eher die Beifügung "verseelt" verdiente. Denn sie veredelt ihren Gegenstand zwar durch allerlei Seelenextrakte und ist insoweit durchaus gefühlsecht, nur eben nicht naturidentisch, sondern synthetisch, wenn auch meisterhaft und virtuos und grandios synthetisch. Aber eben nicht beseelt, sondern eher verfehlt - und in Wirklichkeit also komplett versemmelt.

Auf Gefühle - die wirklichen, echten, werbefreien! -, die nicht zur Verfügung stehen wie ein Ferreroküsschen oder Börsenkurs, verstehen sich Kunst und vor allem Musik gut. Gefühle wollen erarbeitet sein; durch Leben. Einer der in dem Sinn lebt für seine Kunst und in seiner Kunst, ist der Geiger Daniel Hope. Weil er alles anders macht, als man es machen sollte, wenn man Erfolg haben will, war der 1974 geborene Hope lange Zeit eher unbekannt. Dabei zeigte sich seine Hochbegabung früh. Yehudi Menuhin, als dessen Sekretärin Daniels Mutter arbeitete, war der Held seiner Kindheit. Als Menuhin hörte, dass der kleine Daniel Geiger werden wollte, sagte er nur: "Der Arme."

Als er 17 war und die ersten Konzerte gab und auf Menuhins Bitte dem alten Mann vorspielte, Bachs Partita, Schnittkes Sonate, wurde es still im Raum. Menuhin entschuldigte sich bei dem Jungen für die unbedachte wie unvergessene Äußerung. Hope war für 60 Konzerte der Solist des greisen Dirigenten Menuhin; er spielte Menuhins letztes Konzert in Düsseldorf, drei Tage vor dessen Tod 1999.

Anders als bei den großen Alten steht im Zentrum von Hopes musikalischer Welt die Neue Musik. Hope, dessen Lehrer an der Lübecker Hochschule der Russe Zakhar Bron war, suchte etwa die Bekanntschaft des russischen Komponisten Alfred Schnittke (beide wohnten Mitte der neunziger Jahre im selben Hamburger Stadtteil); er liebt die Musik Toru Takemitzus, den er ebenfalls persönlich kannte; auf seinen ersten CDs erklingen Weill, Schostakowitsch, Pärt, Penderecki.

Noch als Geiger des Beaux Arts Trio (BAT), dessen Mitglied Hope analog zur solistischen Karriere seit Herbst 2003 ist, sorgt er jährlich für Neue Musik; allein zum 50. Jubiläum im Sommer 2005 spielt das Trio drei Uraufführungen (Werke von Anthony Turnage, György Kurtag, Jan Müller-Wieland).

Für die erste CD des BAT beim neuen Label Warner Classics hat der trotz seiner 82 Jahre taufrische Pianist und Leiter Menahem Pressler mit Dvoraks Dumky und Mendelssohns d-moll Trio die Debüt-Stücke des BAT ausgesucht. Mit Hilfe Presslers entwickelt Hope seine Dramaturgie der Empfindsamkeit weiter. Er liebt es, zur besonderen Steigerung der Gefühle in einer schönen Art Dialektik leiser zu werden statt lauter. "Sanfte Leidenschaft" nennt er das. Im Gegensatz zur Strategie vieler seiner Berufskollegen - siehe oben - entsteht bei Hope per Pianissimo-Kultur ein zarter unwiderstehlicher Sog.

Für seine Koppelung der revidierten Fassung des Violinkonzerts von Alban Berg mit dem selten gespielten, melancholisch-verzweifelt-schönen Violinkonzert von Benjamin Britten sowie für seine aktuelle CD East meets West wurde Hope 2004 und 2005 für einen Grammy nominiert, den Oscar der Plattenindustrie (verliehen wurde er - siehe oben - an Anne-Sophie Mutter).

East meets West mit indischer Sitarmusik von Ravi Shankar - in memoriam Yehudi Menuhin - in einer Reihe mit kunstmusikalisch gehöhter europäischer Folklore wirkt, als wolle Daniel Hope damit zeigen, dass er, wenn es sein muss, auch Populäres drauf hat: Portamentoschmelz und Vibratoglut, Fingertanz und großen Bogen.

Nur dass Virtuosität und Lust am Gefallen sich hier nicht narzisstisch und marktgerecht selbst umkreisen, sondern Teil sind eines intelligenten Konzepts. Ost und West, sagt es uns, liegen nicht so weit auseinander und Globalisierung wäre ein echtes Ideal - wenn es dabei denn um weltweite Verständigung ginge über Dinge wie Leidenschaft und Trübsal, Freude am Leben und die unbändige Neigung zur Musik.

Beaux Arts Trio, Warner Classics 256461492-2; Berg/Britten: Violinkonzerte, BBC Symphony Orchestra, Paul Watkins, Warner Classics 2564602912; East Meets West: Shankar, Ravel, de Falla, Bartok, Schnittke; Warner Classics 2564 61329-2.


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00:00 15.04.2005

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