Lauschangriff 10/07

Klassik-Kolumne Eine Schraube könne man zur Not auch mit dem Küchenmesser in ein Brett drehen, sagte mir unlängst der Hammerflügelspieler und Dirigent Jos van ...

Eine Schraube könne man zur Not auch mit dem Küchenmesser in ein Brett drehen, sagte mir unlängst der Hammerflügelspieler und Dirigent Jos van Immerseel. "Aber ein Schreiner hat um die dreißig Schraubendreher, für jede Schraubenstärke und Schraubenart einen." Wenn die Majorität heutiger Klassik-Musiker zur Aufführung eines Repertoires, das rund vierhundert Jahren umfasst, nur immer die jeweils moderne Variante ihrer Instrumentenart benutze - die Pianisten zum Beispiel den schwarzlackierten Konzertflügel, der obligatorisch auf allen Klassikbühnen der Welt steht -, dann komme ihm, Immerseel, das vor, als würde der Schreiner für alle Schrauben, alle Hölzer, für jedwedes Werk seiner Hände immer nur die eine Universalmaschine von Black und Decker benutzen.

Immerseel hat zu Hause in Antwerpen eine Instrumentensammlung, die von Cembali aus dem 18ten bis zu Klavieren aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts reicht. Auf Letzteren hat er, zusammen mit Claire Chevalier, gerade die höchst selten zu hörende Musik für zwei Klaviere von Sergej Rachmaninow aufgenommen.

Dagegen spielt Ronald Brautigam, der als Hauspianist des Amsterdamer Concertgebouw normalerweise auf einem Steinway arbeitet, auch leidenschaftlich gern auf seinem Hammerklavier, er hat nur eines. Der Nachbau eines der kleinen Wiener Walter-Flügel von 1802 steht im Studio unterm Dach seines alten Hauses in der Amsterdamer Vossiusstraat. Wenn der Holländer Konzerte oder Aufnahmen zu absolvieren hat - wie zum Beispiel seine Hammerflügel-Gesamteditionen der Soloklaviermusik von Haydn oder Mozart -, dann lässt er das Instrument per Kran durchs Dachfenster aus dem engen Haus hieven. Jetzt ist die Gesamtaufnahme der Soloklaviermusik Beethovens dran. Schade, dass er dabei wieder für alle Werke nur das eine Instrument verwendet. Denn wie kein anderer Musiker hat Beethoven dezidiert mit den und für die immer neuen Entwicklungsmodelle von Hammerflügeln komponiert, die während der rasanten Entwicklung des Klavierbaus im Lauf seines Lebens in seine Hände gerieten. Kein Instrument klang wie das andere. Zwischen dem Walter-Flügel der Mondscheinsonate, und dem Èrard- oder Fritz-Flügel der Hammerklaviersonate lagen Welten.

Die alten Instrumente boten den Komponisten Möglichkeiten, von denen heutige Steinway-Spieler nicht träumen dürfen, denn auf modernen Instrumenten funktionieren sie nicht. Die berühmten Triolen am Beginn der Mondscheinsonate zum Beispiel verschmelzen organisch zu wundersam "natürlich" klingenden Dissonanzen, weil der Hammerflügel ungedämpft gerade so lang nachklingt, wie es Beethoven richtig erschienen sein mag. Im Autograph ist für den ganzen Satz Dämpferaufhebung (col pedale) vorgeschrieben, eine Anweisung, die auf dem modernen Flügel ab Takt 4 Kakophonie bedeuten würde. Die verschiedenen Register sind farblich und dynamisch klar voneinander abgesetzt. Der insistent hämmernde ostinate Bass am Beginn der Pathétique etwa wirkt lauter als gewohnt, ist freilich nur durchsichtiger, voluminöser, eigenwertiger. Selbst bei Fortissimo-Ausbrüchen wie denen unter den rollenden Triolenketten in der Durchführung des dritten Satzes der Sturm-Sonate deckt der Bass die anderen Stimmen nicht zu. Brautigam nutzt die zartgewaltigen Qualitäten eines Hammerflügel, indem er die gefühligen oder triumphalen Tiefen dieser Musik sich ergeben lässt aus dem, was sein Virtuosentum - sensibel oder eruptiv - klar und unprätentiös vor den Hörer hinstellt.

Die alte Weisheit, das weniger oft mehr ist - sie kann in Zeiten kapitalistischer Globalisierung als aktueller gelten denn je -, hat der Hammerflügelspezialist und Dirigent Arthur Schoonderwoerd auch auf das Orchester übertragen, das ihn bei Beethovens Klavierkonzerten Nr. 4 und 5 begleitet. Die Musik gewinnt an Plausibilität, sie rückt unaufdringlich rätselhaft näher und man denkt, so könnte es gewesen sein, damals, beim Fürsten von Lichnowsky im Uraufführungssaal, der, man weiß es heute, exakt 7 x 16 Meter maß bei 7,50 Metern sehr lichter Höhe.

Rachmaninow: Stücke für zwei Pianos - Jos van Immerseel/Claire Chevalier; Zig Zag Territoires/note 1 ZZT030903; Beethoven Complete Works for Solo Piano- Ronald Brautigam; bisher erschienen sind Volume 1 bis 5 mit u.a. Sonaten op. 2, 7, 10, 13, 14, 22, 26, 27, 30, 49; BIS/note 1 1362,1363,1472,1473,1572; Beethoven: Klavierkonzerte Nr. 4 5 - Arthur Schoonderwoerd, Cristofori; Alpha/note 1 079


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00:00 22.06.2007

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