Lauschangriff 11/04

Kolumne Die Alten hatten es besser", meint der Geiger Daniel Hope. Sein violinistischer Urahn, der von vielen noch heute als bester Geiger aller Zeiten ...

Die Alten hatten es besser", meint der Geiger Daniel Hope. Sein violinistischer Urahn, der von vielen noch heute als bester Geiger aller Zeiten verehrte Jascha Heifetz zum Beispiel. "Wenn der nach Japan reisen wollte, dann ist er für sechs Wochen hingefahren und hat vielleicht 50 Konzerte gespielt und das war´s." Heute ist so etwas nicht mehr möglich. "Damals teilten sich die fünf oder sechs Spitzenstars den Markt", erklärt Hope. Heute ist der Markt rappelvoll. "Jeder kann jederzeit überall spielen, montags in Melbourne, dienstags in Tokyo, mittwochs in London, wenn man das körperlich durchhält." Hope hält es durch. Er hat nur nicht so viele Anfragen. Denn von Anfang an mochte er sich gewissen Usancen des internationalen Konzertbetriebs nicht anpassen.

Sein Einstieg war viel versprechend. Er tourte als Solist mit dem alten Yehudi Menuhin, der am Ende seiner Karriere die Sinfonia Warszawia dirigierend durch die Lande zog. Hope stand und steht im Ruf, neben Nigel Kennedy einer der beiden Meisterschüler Menuhins gewesen zu sein. Er hat nie eine Stunde Unterricht beim Altmeister gehabt. Seine Mutter war indes eine der Sekretärinnen Menuhins, so dass Daniel durch Menuhin die ersten, wichtigen Musikeindrücke empfing. Studiert hat er in Lübeck bei Zakhar Bronn. Mit dem Ergebnis, dass der alte Menuhin, als der 19-jährige Hope ihm vorspielte, so angetan war, dass daraus eine Zusammenarbeit wurde, die erst mit Menuhins letztem Konzert, vier Tage vor dessen Tod in Berlin, endete.

Schon mit Menuhin war es Hope zu langweilig, immer wieder die selben fünf Violinkonzerte zu spielen, die das Publikum angeblich einzig hören will. "Es gibt Geiger, die kriegen 150 Konzerte im Jahr, können durch die Welt touren und spielen immer nur Beethoven, Brahms, Tschaikowsky, Mendelssohn, Bruch. Man kann damit viel Geld verdienen", sagt Hope. "Aber was ist das für ein Leben?" Menuhin musste ihm zusagen, in jedem Konzert mindestens ein zeitgenössisches Werk aufs Programm zu setzen.

Für seine Debut-CD wählte Hope Violinkompositionen des Russen Alfred Schnittke, Kurt Weills Konzert und Nostalghia des Japaners Tore Takemitsu aus (English Symphony Orchestra, William Boughton; Nimbus NI 5582). Das Faible für zeitgenössische Musik hatte schon den 20-Jährigen gepackt, der, zusammen mit dem Geburtstagskind, das Festival zu Schnittkes 60. Geburtstag plante und zwei Jahre später in Wien die Welturaufführung des revidierten Violinkonzerts von Alban Berg geigte.

Die nächste Veröffentlichung (Violinsonaten, Simon Mulligan, Piano; Nimbus NI 5666) widmete sich dem eigenartig späten Reflex des reif-romantischen 19. Jahrhunderts im Werk von zwei Komponisten, die mehr dem folgenden angehörten, Edward Elgar (1857-1934) und William Walton (1902-1983), eine Platte, auf der Hope zeigen konnte, wie wenig sogenannte "Moderne-Spezialisten" ausschließlich einen Kopf, dazugehörig kühle Kalkuliertheit und nimmermüde Neugier auf Niedagewesenes ihr eigen nennen; wie sehr sie vielmehr und zugleich über Fähigkeiten und Passionen verfügen, die man allzu ausschließlich den Aposteln des romantisch subjektiven, aus dem Bauch kommenden Interpretationsansatzes zuschreibt.

Hope hasst es, seine Kunst "von oben herab" unter die Leute zu bringen. Er verknüpft Musik und Texte zu Themenabenden wie dem Programm Verbotene Musik mit Kompositionen und Literatur, die - fast alle - im Konzentrationslager Theresienstadt entstanden (Werke von Gideon Klein, Hans Krasa, Ervin Schulhoff, mit Philip Dukes, Viola, Paul Watkins, Cello; Nimbus NI 5702) oder zu einem Abend - mit Strawinskys Geschichte vom Soldaten und Beethovens Egmont-Musik - gegen den Krieg, ein Programm, entworfen und aufgeführt mit dem Schauspieler Brandauer, das im vergangenen Jahr das Publikum des Schleswig-Holsteins-Festivals und anderswo berührte.

Inzwischen ist Hope Geiger im ältesten und berühmtesten Klaviertrio der Welt, dem Beaux Art Trio. Ein weiterer Beweis für seine Beweglichkeit, Musikalität und Klasse. Seinen eigenen Kopf wird er behalten. Schön dass es noch Talent gibt, das andern Reichtum will als nur den einen, auf dem Konto.


00:00 21.05.2004
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