Lauschangriff 11/06

Klassik-Kolumne Wer historische Analogien liebt, fühlt sich angesichts der politökonomischen Gegenwart jeden Tag an den Ausgang des 19. Jahrhunderts erinnert: Belle ...

Wer historische Analogien liebt, fühlt sich angesichts der politökonomischen Gegenwart jeden Tag an den Ausgang des 19. Jahrhunderts erinnert: Belle Époque ("Spaß haben!") und Juste Milieu mit seinem Zentralmotto "Bereichert Euch!" Wer damals etwas auf sich hielt, sprach französisch. Das französische Finanzkapital, auf seine Art beflügelt - wenn auch nicht begeistert - von der Französischen Revolution, war die Avantgarde auf den Wegen der Börse. Die scheint, in einer Art Luxus-Lemming-Syndrom, noch heute nur ein Ziel zu kennen: den Abgrund. Thomas Mann hat damals den letzten Abschnitt dieses Weges im 19. Jahrhundert von jenseits des Abgrunds beschrieben, in einer Kurzgeschichte (Brecht) namens Zauberberg. Jacques Offenbachs Musiktheater kommentiert die Sache von unterwegs.

Schon dass sich die Musis (Musikwissenschaftler) nicht einigen mögen auf die adäquate Eingruppierung des Genres, das Offenbach während des dritten Kaiserreichs geschaffen hat, ist ein Hinweis darauf, dass hier etwas nicht stimmt. Offenbach selbst nannte seine Geschöpfe opera bouffa oder opera comique, selten auch "operettes", zu deutsch: Öperchen. Dem deutschen Publikum galten sie bis vor kurzem als Inbegriff einer Gattung, die unter dem Namen Operette aufgrund einer fatalen Aufführungstradition hierzulande einen verdient miesen Ruf genießt. Jüngere Freunde der Operette sind dabei, das zu ändern. Theoretisch zum Beispiel Volker Klotz mit seinem Grund legenden Buch Operette. Auch in Deutschland, erfährt man da, gibt es hörenswerte, übers ästhetische Prestige der Gattung weit hinaus ragende Beispiele. Ein befreundeter, namhafter Autor und schreibender Musikfreund schwört auf den weithin vergessenen Bettelstudenten von Karl Millöcker und steht nicht an, ihn in einigen Stücken mit Mozarts Figaro zu vergleichen.

Einen außerhalb der Konkurrenz befindlichen Rang bei Experten und Laien behauptet Jacques Offenbach. Der als Jacob Offenbach 1819 in Köln-Deutz Geborene wurde zur musikalischen Ausbildung vom Vater mit 14 nach Paris geschickt, dort bei Cherubini zum Cello-Virtuosen und dann in der Folge, in einem zur modernen kapitalistischen Metropole mutierenden Paris zum Komponisten, Dirigenten und Theaterdirektor. 1858 schuf er mit Orpheus in der Unterwelt ein erstes Muster der Gattung, das zu einem Erfolg wurde, für den man ihn zwei Jahre darauf zum Ritter der Ehrenlegion schlug. Kaiser und Könige stahlen sich in die umjubelten, rundum belachten Aufführungen. Ungeachtet allen Zuspruchs in den Jahren der Weltausstellung - schon damals wurden die großen Vermögen nie mit harter Arbeit verdient - geriet er in finanzielle Kalamitäten und musste zeitweilig vor seinen Gläubigern ins Ausland fliehen.

Der französische Dirigent Marc Minkowsky lebt und arbeitet mit seinem Originalklangensemble Les Musiciens du Louvre, trotz des Orchesternamens, nicht in Paris, sondern in den französischen Alpen, in Grenoble. Seine Neuaufnahme von Offenbachs La Grande-Duchesse de Gerolstein atmet gleichwohl Pariser Luft; es muss, außer an Minkowskys und seiner Sänger und Instrumentalisten Qualität, an der Musik liegen.

Die gemahnt in der gewissen Mechanisiertheit besonders der schwungvolleren Stücke bisweilen an die Maschinenmusik Rossinis. Zwar begegnete der Italiener der aufkommenden kapitalistischen Industrie - ganz wie sein rheinisch-französischer Berufsgenosse einem mit Can-Can in den Untergang tanzenden Fin de Siècle - mit einer gehörigen Portion Witz, mit Lebenslust und Vitalität. Ihm geht indes die Beseeltheit ab, die Offenbachs Kunst noch dort erfüllt, wo sie der alten Leier von der Notwendigkeit des Profits deren eigene, oft etwas leierhafte, immer aber schwungvolle Melodie vorspielt.

Da liegt der Unterschied zur Gegenwart: Hohn und Spott, den Offenbach über die herrschenden Verhältnisse ausgießt, haben noch Boden unter den Füßen. Musikalische Satiriker wie Offenbach hatten noch ein nicht abgefahrenes Ticket auf eine andere, vermeintlich bessere Gesellschaftsvariante in der Tasche. Nichts hat so viel Schwung und Überzeugungskraft, so viel Poesie und Witz wie eine unabgegoltene Utopie. Sie fehlt derzeit. Sie wird sich einstellen.

Volker Klotz: Operette. Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst (2004); Offenbach: La Grande-Duchesse de Gerolstein - Lott, Piau, u.a., Musiciens du Louvre, Marc Minkowsky, Virgin Classics/EMI 5473422


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00:00 02.06.2006

Ausgabe 39/2020

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