Lauschangriff 11/07

Klassik-Kolumne Es sind intime Blicke ins Innere einer Epoche, die der Dichter Wilhelm Müller (1794-1827) aufgeschrieben hat in seinen Gedichten. Gedacht waren sie ...

Es sind intime Blicke ins Innere einer Epoche, die der Dichter Wilhelm Müller (1794-1827) aufgeschrieben hat in seinen Gedichten. Gedacht waren sie teils für Gesellschaftsspiele, während der Romantik fand man Gefallen an derlei sittigem Geplänkel. Der Musiker Franz Schubert (1794-1828) indessen sah die Texte und begriff: Es war der optimale Anlass für einen wie ihn, daraus Dramen der Seele zu gestalten. Er griff zu, er kürzte und stellte um und gewann am Ende aus Müllers Gedichten eine Handlung. Es entstanden zwei längere Geschichten, die - gesungen und am Klavier begleitet - seither die Welt bewegen.

Bei aller Verschiedenheit beider Werke geht es zwei mal um enttäuschte Liebe, ums Verlassensein und das daraus oft folgende Gefühl der Einsamkeit, für das der Dichter Kulisse und Metaphorik fand in der Natur, im Lauf des Bachs, dem Räderwerk der Mühle, in der Erstarrung und Eiseskälte des Winters. All das, eine Vorliebe der Romantik, diente zugleich dem Aufriss eines Lebens- und Weltgefühls, in dem die Perspektivlosigkeit der ultrareaktionären Verhältnisse sich ausdrückte in subjektiver Ohnmacht und Depression.

Es riecht ergo nach Tränen und Herzblut in Die schöne Müllerin (D 795) und - mit größerer Symbolnähe zum politischen Zustand der Welt - in Die Winterreise (D 911). Die Epoche, die das zeitigte, hat Ähnlichkeit mit der Gegenwart. Habgier und politische Korruption haben Hochkonjunktur. Die Gegenkräfte sind zersplittert und moralisch geschwächt, sie sind konzeptionell desorientiert. Die Flucht ins Private liegt nah: "Nun merk ich erst, wie müd´ ich bin", bemerkt der einsame Wanderer durch die Welt der "Heiligen Allianz" nach dem Wiener Kongress (1814) und: "Als noch die Stürme tobten, / war ich so elend nicht."

Eine aktuelle Aufnahme der Edition Klavier-Festival Ruhr (Vol. 12) bringt beide Werke zusammen mit den unter dem Verlegertitel Schwanengesang gebündelten letzten Liedern des früh vollendeten Schubert. Ein neuer Name macht sich da geltend, der des jungen Tiroler Tenors Bernhard Berchtold. In Charakter und Stimme erscheint er prädestiniert für die Eigenart dieser Lieder. Sie leben von der scheinbaren Einfachheit des Volkstons und des Volkslieds. Berchtold bildet dessen Wohllaut so unaufdringlich wie farbig und klangschön nach. Nichts gefährdet diese Lieder ja mehr als die von Eitelkeiten oder was auch immer motivierte Übertreibung der in ihnen wirkenden Gefühle. Berchtold stellt sie dar, mit einer Genauigkeit und einem Reichtum der Nuancierung, der vielleicht am direktesten zum Ausdruck kommt in seiner keine Nebensilbe verschenkenden Textverständlichkeit.

Berchtolds Gesang verströmt eine neue Art Männlichkeit. Bei allem Deutlichsein hat seine Stimme eine natürlich gestaltete Höhe, deren Kraft in ihrer Weichheit liegt; noch im zornigen Fortissimo verliert sie nicht an Eigenart; noch im zaghaftesten Pianissimo (einzig da übertreibt Berchtold an wenigen Stellen) behält sie Form und Präsenz. Die Klavierbegleiterin Irina Puryschinskaja hat ein Ohr für die Feinheiten eines derartigen Konzepts; auch sie verzichtet in den Passagen, die Schubert der Kunst des solistischen Klaviers vorbehielt, auf Selbstdarstellung.

Der alte Hanns Eisler, selbst einer der großen deutschen Liedkomponisten, hat anlässlich der Komposition seines Hollywood Songbook in den Gesprächen mit dem Germanisten Hans Bunge einmal darauf hingewiesen, dass die Linke um Gefühle - echte Gefühle - immer einen Bogen gemacht hat. Eisler wunderte sich selbstironisch darüber, dass einer wie er sich noch entschuldigen zu müssen glaubte dafür, - statt immer neuer Kampflieder - die Trostlosigkeit und Einsamkeit des Exils besungen zu haben in der Nacht des Faschismus.

Im Aussingen der Traurigkeit und der Ohnmachtsgefühle einer Zeit der Niederlagen, liegt Dialektik soviel wie in den Momenten des Triumphs. "Wer hoch springen will", sagt der alte Eisler, "muss zurücktreten." In der Sorgfalt, mit der Berchtold die Verzweiflung in den Liedern des späten Schubert gestaltet, liegt die Souveränität dessen, der sich seinen Gefühlen stellt. Darin liegt Stärke, die Kraft neuen Beginnens.

Franz Schubert: Die schöne Müllerin; Die Winterreise; Schwanengesang - Bernhard Berchtold, Irina Puryschinskaja; 3 CD Avi / JA KLA 553029


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00:00 20.07.2007

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