Lauschangriff 12/05

Klassik-Kolumne Die beiden haben auf den ersten Blick nichts gemeinsam. Auf den zweiten schon. Sie gehören zu den bis fast auf den Tag von der Majorität der ...

Die beiden haben auf den ersten Blick nichts gemeinsam. Auf den zweiten schon. Sie gehören zu den bis fast auf den Tag von der Majorität der Musikfreunde im Wesentlichen unentdeckten, in ihrer Bekanntheit auf wenige Klassik-Hits beschränkten Größen der Musikgeschichte. Beide trugen, dito noch kaum in der gebotenen Lautstärke gewürdigt, auf je eigene Weise erheblich bei zur Entwicklung der E-Musik.

Der Eine, Haydn, indem er das von seinen Zuhörern kraft Gewohnheit Erwartete mit geistreich witzigen Einfällen an der Nase herum führte oder sich entwickeln ließ in ein unverhofftes Vergnügen: Ein Tänzchen etwa, an einer Stelle, wo niemand in einem Streichquartettfinale - Opus 76 Nr. 1 - ein Tänzchen erwartete. Oder in den Brutalsteinsatz der Pauke im Adagio einer Symphonie, deren Publikum bei leise und leiser werdender Musik gerade dabei war, in Konzertschlummer zu verfallen. Das Gewohnte tritt dann bei Haydn am Ende immer noch ein, Regel und Norm werden bestätigt - es bleibt alles beim Alten. Etwas Altes allerdings, das sich so viel Mutation, Überraschung, Eventualität zumutet, ist nicht nur höchst vergnüglich, es wird - ein wichtiger Anlass und Gegenstand geistigen Vergnügens? - als veränderbar erkannt.

Auf so etwas scheint das Publikum von Haydns Pariser Symphonien gerade gewartet zu haben. Dieses Publikum war seinerseits etwas Neues. Es war gerade dabei, eine Öffentlichkeit zu bilden, für die es kurz darauf selbstverständlich wurde, anstelle einer abgewirtschafteten Aristokratie Symphonien und ganze Opern in Auftrag zu geben. Im gesellschaftlichen Umfeld wurde denn auch, drei Jahre nach Uraufführung der sechs Pariser Auftragswerke Haydns, das politisch Alte zum Teufel gejagt. Nicolaus Harnoncourt fängt den historischen und musikgeschichtlichen Moment orchesterklanglich ein, indem die Naturhörner seines Concentus Musicus in einer Art Lärmkunst den auch solcherart deftigen und heftigen Avantgardismus und Witz dieser Musik unterstreichen. Die in barocker Farbigkeit auftrumpfenden Holzbläser demonstrieren unterdessen die von Haydn stark mitverantwortete Emanzipation und Verwandlung bis dato überwiegend kollektiv eingesetzter Tutti-Instrumente in allgegenwärtig und jederzeit reüssierende Orchester-Solisten.

Eines der für Nichtfachleute irritierenden bis abturnenden Charakteristika der Musik Franz Liszts: Seine Walzer klingen trotz Dreiertakt - auf den man beim Mephisto Walzer Nr. 4 lange wartet - oft nicht wie Tänze; seine Melodien kommen nicht an ihr Ende, kaum dass sie dem Hörer das Vergnügen harmonisch schöner und angenehmer Fügungen gewähren. Seine Musik, ungeachtet einer äußeren Gestalt, die Supervirtuosen erfordert mit vier statt zwei Händen, lässt das unwissende Ohr kalt, verwehrt ihm jene Art "Befriedigung", die sich üblicherweise aus der raffiniert und erotisch hinaus gezögerten Bestätigung des Gewohnten ergibt. Kurzum, sie schert sich auf noch radikalere Weise als bei Haydn nicht um die Erwartungen des Publikums.

Eine - den Kunstgenuss allemal stimulierende und potenzierende - theoretische Beschäftigung mit dieser Kunst fördert zutage: Es gibt in der Gestaltung musikalischer Abläufe seit Jahrhunderten die Form der "Kadenz". In ihr findet die Musik über die Dominante und den Leitton zurück zur Tonika, was nicht unwesentlich zur Aufrechterhaltung der gewohnten Tonalität beiträgt. Bei Liszt wuchert die Dominante. Er kehrt immer seltener zur Tonika zurück: Anders als bei Haydn löst sich, kaum 40 Jahre nach dessen Tod, bei Liszt in der Verweigerung des Erwarteten das Altbekannte von innen her auf.

Im Gegensatz zu Haydns kunstvollem Spiel mit dem Trug des Gesicherten ist Liszts Musik tief melancholisch. In Kenntnis ihrer Formidee hört man sie anders. Die stets flüchtige Tonalität im Valse oublié zum Beispiel, die schwebend leichten Ahnungen einer Melodie in der Élégie. Und noch radikaler und einfacher das von Liszt unveröffentlichte Alterswerk, die verloren naive Einsamkeit im Wiegenlied oder der verwegene Parforceritt durch eine gottesleere Schöpfung im Czardas obstinée - all das klingt heute wie die köstlich kostbare Botschaft eines auf den Tod traurigen Weisen.

Haydn: Streichquartette Opus 76, Takacs Quartett, Decca/Universal 475 6213; Haydn: Pariser Symphonien, Harnoncourt, dhm/BMG 8287660602 2; Leif Ove Andsnes: Liszt Piano Recital, EMI 5 57002 2; Liszt: Pieces Tardives (Werke von 1866-1886), Jos van Immerseel, Erard-Flügel, Sergei Istomin, Cello, ZigZag Territoires/Note 1 ZZT 040902


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00:00 06.05.2005

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