Lauschangriff 13/04

Kolumne Im günstigsten Fall sollte Musik nicht weniger als wahrhaftig und ehrlich sein und außerdem noch Lebenshilfe bieten. Oft ist das zu viel verlangt, ...

Im günstigsten Fall sollte Musik nicht weniger als wahrhaftig und ehrlich sein und außerdem noch Lebenshilfe bieten. Oft ist das zu viel verlangt, aber es gab Bands, die diesen Anspruch für mich erfüllten, wenn auch nur für einige Jahre: Ich denke an The Who, als ihr Schlagzeuger Keith Moon noch lebte, auch an The Jam und The Clash in ihren Blütezeiten. Denn die Intensität des Rock´n´Roll lässt nach, die Karussellfahrt verlangsamt sich; das ist der Normalfall. Leatherface aus Sunderland im Nordosten Englands, die Post-Punkband um den Sänger und Songschreiber Frankie Stubbs ist nicht der Normalfall. 15 Jahre nach der Veröffentlichung des Debütalbums Cherry Knowle ist Stubbs genau so vital und rigoros wie eh und je. Vergangene Woche traf ich ihn nach einem Konzert im Bremer Schlachthof und fragte nach dem Geheimnis. Wie kann man nach so vielen Jahren noch so leidenschaftlich sein? Stubbs gab "günstige" Umstände an.

Leatherface ist zwar seit vielen Jahren eine "Indierock"-Größe, die Alben Mush (1991) und Minx (1993) gelten als Klassiker, aber die Band ist dennoch immer Underground und ohne Vertrag mit einer großen Plattenfirma geblieben. Deshalb, so Stubbs, konnte sich ihre Musik so unverfälscht erhalten. Der zweite "günstige Umstand" besteht darin, dass es die Band über einen Zeitraum von sechs Jahren gar nicht gab. Stubbs hatte Leatherface wegen der Alkoholprobleme seiner Musiker aufgelöst. Er selbst trinke zwar auch zwei Liter Wein täglich, aber erst nach der Show. Die Anderen hätten schon vorher getrunken, was sich auf die Konzerte auswirkte und Stubb´s Eitelkeit kränkte. Es mag sich zwar um Punk handeln, aber er strebt Perfektion an. In der sechsjährigen Pause nun hat Stubbs neue Energie getankt.

Ihr "zweites" Leben verbringt Leatherface beim kalifornischen Label BYO Records unter Vertrag. Das Label ist für Hardcore- und Emo-Punk bekannt; Leatherface sitzen da regelrecht zwischen den Stühlen. Aber sie klingen so eigen, dass es sowieso kein wirklich passendes Label für sie gäbe. Wenn man mich danach fragt, wie Leatherface klingen, sage ich immer: Wie eine Mischung aus Motorhead, The Police und Tom Waits. Meistens löst dieser Satz ein Schmunzeln aus, weil man vermutet, dass ich es nicht ernst meine. Vielleicht ist meine Beschreibung nicht ausreichend, aber sie kommt der Sache zumindest näher. Die Police-Ähnlichkeit beschränkt sich auf das Gitarrenspiel von Frankie Stubbs, das an das Zupfen des Police-Gitarristen Andy Summers erinnert. (Leatherface spielen den Police-Hit Message in a bottle oft live.) Der Motorhead-Vergleich ist zwar notwendig, aber auch beleidigend für Stubbs. Sein Gesang ist zwar so rau und heiser wie der von Motorheads Lemmy, auch ist die Musik der beiden Gruppen ähnlich heftig und dynamisch, aber der große Unterschied besteht in der pathetischen Sensibilität von Stubbs´ Stimme. Wo Lemmy eher für sein dickes Fell bekannt ist, strahlt Stubbs eine feingeistige Melancholie aus, die in der Tat an Tom Waits erinnert. "If the length of this song is my life, I wanna live it. I want to lie in the sun one more time and not hide" (Wenn die Länge dieses Songs meinem Leben entspricht, will ich es leben. Ich will noch einmal in der Sonne liegen und mich nicht verstecken), singt Frankie Stubbs im Song Small Yellow Chair vom aktuellen Album Dog Disco. Er hat sich gezwungenermaßen mit der Vorstellung auseinander setzen müssen, das Leben als geliehene Zeit zu betrachten; der ehemalige Bassist der Band, Andy Crighton, beging 1997 Selbstmord. Stubbs hat darüber bereits das Lied Andy auf dem Comeback-Album Leatherface together with Hot Water Music (1998) geschrieben.

Letztendlich ist Leatherface doch eine Hardcore-Punkband. Aber selten hat es eine Hardcore-Kapelle mit solch hübschen Melodien gegeben, in Verbindung mit persönlichen und poetischen Texten. "Er kann wirklich Gitarre spielen, und es handelt sich um echte Songs!" meinte ein Freund zu mir nach dem Bremer Konzert, "wenn er wollte, könnte er ein seriöser Künstler werden." Ich denke, dass Frankie Stubbs schon immer seriös war. Was mein Bekannter meinte, war wohl, dass Stubbs den Status eines massenkompatiblen Songwriters genießen könnte, wenn er nur auf die Punk-Komponente verzichten würde. Das geht aber nicht, weil dann würde Frankie Stubbs sich nämlich selbst verraten.


00:00 11.06.2004

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