Lauschangriff 13/05

Kolumne Es ist eine Weile her, dass die britische Seemacht die Welt beeindrucken konnte, aber britische Pop Musik imponiert uns immer wieder. Keine zwölf ...

Es ist eine Weile her, dass die britische Seemacht die Welt beeindrucken konnte, aber britische Pop Musik imponiert uns immer wieder. Keine zwölf Monate vergehen, ohne dass ein neuer Name von der Insel auftaucht, der die Welt erobern will. British Sea Power existiert seit 2001, aber erst 2003 wurde ihr bedeutsames Jahr. Ihr Debütalbum The Decline of British Sea Power kam heraus und erreichte prompt den Silber-Status. Vor allem aber war es ein künstlerischer Erfolg. Die Band spielte zwar althergebrachten Gitarrenrock, aber irgendwie deutlich »anders«. Das Album war songorientiert, die Stücke jedoch klangen wie mit vielen Geräuscheschichten überzogen. Der Gesang war schrill, manchmal penetrant, aber nie langweilig. Sie wurden dafür bekannt, in ersten Weltkrieg-Uniformen aufzutreten; dafür gab es nie eine Erklärung, auch nicht für die ausgestopften Eulen oder das Laub und die Blätter, mit denen sie die Bühne dekorierten. Sie leben zwar im Badeort Brighton, aber drei der fünf Bandmitglieder sind in der Grafschaft Cumbria aufgewachsen, bekannt wegen der touristischen Anlaufstelle »The Lake District«.

Menschen, die in Cumbria leben, sind umgeben von herrlichen, lieblichen grünen Landschaften, von sanften Bergen und idyllischen Seen. Vielleicht konnten British Sea Power ja deshalb auch bei ihren Shows nicht auf Natur-Dekoration verzichten. Auch auf ihrem neuen zweiten Album Open Season klingen sie naturverbunden. Man steigt als Hörer wie durch eine Wolkenschicht nach der anderen auf. Ich finde tatsächlich, dass sie weniger nach »sea power«, sondern mehr wie Cumbria Landschaft klingen, obwohl sie in Brighton leben. Wo übrigens auch Fatboy Slim, Nick Cave, Paul McCartney, Emma Bunton (ex-Spice Girl!) und The Levellers wohnen. Das Geheimnis ist, dass man dort nicht weit weg von London ist und trotzdem nicht den Stress der Hauptstadt hat. Cumbria im hohen Nordwesten Englands ist dagegen ziemlich weit weg, und es gibt dort auch keine Infrastruktur für junge Bands.

Das neue Album klingt also unverkennbar nach British Sea Power. Dennoch hat sich etwas verändert. Der ganze Sound ist weicher geworden, ohne soft zu sein. Sie sind nicht mehr so rigoros und dynamisch, sondern eher graziös. Die Songs kommen poppiger rüber, aber der klassische Vorwurf des »kommerziellen Ausverkaufs« wäre fehl am Platz. Dafür klingt die Gruppe immer noch zu eigenwillig. Es gibt eben Bands, New Order wäre so ein Beispiel, die perfekte Mainstream-Platten machen und dennoch wie Underground wirken, einfach weil sie ihren eigenen Sound geschaffen haben. Ich denke, British Sea Power eifern in dieser Hinsicht New Order nach.

Das Album Open Season hat bereits in der ersten Woche Platz 13 in England erklommen und klingt dabei ganz anders als der Rest der britischen Charts. Sie haben dazu gelernt. Beim Stück North Hanging Rock verwenden sie zum Beispiel Feedback, aber ganz subtil, als wertvolle Bereicherung, und nicht als nervtötende Ablenkung. Der Gesang ist nun eher verträumt als schrill. Es erinnert mich daran, wie Morrissey von The Smiths seinen anstrengenden Gesang ablegte und immer »reichhaltiger« und entspannter klang. Man kann es sich als ganz junger Mensch vielleicht leisten, einen kreischenden Misston anzuschlagen, aber man kann nicht immer so weiter machen. Der British Sea Power-Sänger Yan hat offensichtlich viel daran gesetzt, angenehmer zu klingen. Die Texte sind völlig in Ordnung, sie werden Morrissey nicht gerade schlaflosen Nächte bereiten, der rote Faden bleibt Liebe und Natur. Im Herzen sind sie doch noch im Lake District.

Ich finde übrigens Open Air-Konzerte bei einer solchen Band problematisch. Da geht das feingeistige Gefühl verloren. Ich sah British Sea Power 2003 live in der »künstlerischen« Location der Kampnagelfabrik in Hamburg. Der Ort passte. Schließlich ist British Sea Power eine der »kunstvollsten« Popbands unserer Zeit. Auch wenn die Musiker subtiler geworden sind, heißt es nicht, dass ihnen die Abenteuerlust abhanden gekommen ist. Menschen aus Cumbria wissen am Allerbesten, dass es viele Berge gibt, die man besteigen kann.

British Sea Power geht leider nicht richtig auf Tour in Deutschland, dennoch gibt es zwei Möglichkeiten, sie hierzulande im Sommer zu erleben: 4. 7. Hamburg-Stadtpark (Vorgruppe für Adam Green und Tocotronic), 5. 7. in Gelsenkirchen-Amphiteater (Vorprogramm für Adam Green und Philip Boa).


00:00 13.05.2005
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