Lauschangriff 14/06

Klassik-Kolumne Es gibt zwei bis drei Gründe, von bestimmten Klassik-Aufnahmen angetan zu sein. Der erste und erfreulichste: Es handelt sich um neues, unbekanntes ...

Es gibt zwei bis drei Gründe, von bestimmten Klassik-Aufnahmen angetan zu sein. Der erste und erfreulichste: Es handelt sich um neues, unbekanntes und noch dazu begeisterndes - Repertoire. Der zweite: Es handelt sich um altes, bekanntes, aber derart begeisternd neu interpretiertes Repertoire, dass man schier aus dem Häuschen gerät. Der dritte: Es handelt sich um altes, unbekanntes oder selten gespieltes Repertoire, das durch die Leistung eines große Interpreten frisch wie neugehört klingt.

Nichts diesmal von der ersten Sorte. Von der zweiten ein großer Spaß. Als hätte er geahnt, dass sich seine Landsleute - ausgelöst durch eine Ballsportweltmeisterschaft - einst ums Thema Patriotismus balgen, zum nicht geringen Teil sich sogar drin baden würden (mehr whirlpoolmäßig), hat sich Beethoven gegen Ende seines Lebens mit dem musikalischen Emblem eines Patriotismus befasst, den man Ernst nehmen kann: Er komponierte eine Hymne.

Der Schlusschor der 9. Sinfonie, schaffte es nach dem letzten Weltkrieg immerhin in die engere Auswahl für die Nationalhymnen des einen oder anderen deutschen Staates. Er gilt bis heute mit Recht als Hymne des großen bürgerlich-humanistischen Erbes in Deutschland und Europa. Insoweit hat es seine Richtigkeit, dass keines der ehemals zwei Deutschland sich seiner bemächtigte.

So großartig, manchmal allzu riesig, diese Ode an die Freude erscheint - die Choralphantasie c-moll op. 90, mit der Beethoven sich offenbar auf die Ode einstimmte, lässt sich kurzweiliger an, zumindest in ihrer Art Anbahnung des Höhepunkts. Beethoven spielt hier nicht nur mit der Form, mit dem hohen Ton, dem Pathos und allem anderen Kunstgepäck, das uns seine Musik mitunter so schwer erträglich macht. Er gibt sich im Innern dieser Musik auch selten aufgeräumt, gelassen und heiter, zumindest erscheint das in der Aufnahme mit dem Züricher Tonhalle Orchester unter David Zinman so, die erste mir bekannte Interpretation, der es zugleich gelingt, die Disparatheit dieses Stücks in ein plausibel belebtes Ganzes zu verwandeln.

Disparat ist das Opus 90 schon durch seine einzigartige Mischung aus Klaviersonate, Klavierkonzert und Choralsinfonie. Jede Abteilung kündigt spielerisch die folgende immer schon an. So nimmt das Soloklavier nach großartig und heiter dahin phantasierenden Einleitung in spielerischer Simulation die Begleitung eines großen Orchesters vorweg. Launig werden im Orchester, bevor das Thema der Hymne endgültig und großchorisch auftrumpft (einer der hartnäckigsten Ohrwürmer der Musikgeschichte) alle möglichen Haltungen, in denen so ein Hymnus üblicherweise nie erscheint, durch konzertiert und variiert: Von heiter rondohaft bis martialisch marschmäßig, von ballettös bis generös. Im Finale sind alle - Klavier, Gesangssolisten, Chor und Orchester - übersichtlich und kunterbunt vereint, ähnlich dem berühmten Schwesterwerk, nur noch experimenteller, leichter, humorvoller.

Dafür dass die oben erwähnte dritte Sorte Klassik zum Spaß wird, hat einmal mehr Réné Jacobs gesorgt, der zur Zeit, Stück für Stück, Mozarts späte Opern in neues Licht taucht. Der einstige Countertenor kommt aus der Schule der Alten Musik. Er nähert sich Mozart von der historisch richtigen Seite, aus Richtung Bach. La Clemenza di Tito, komponiert und uraufgeführt während der Arbeit an der Zauberflöte, bedient sich noch einmal der zu Mozarts Zeit bereits überholten, Barockform der Opera Seria. Aber Jacobs widerlegt das alte Vorurteil, Mozart habe den Titus allein aus Geldmangel und darum nur lustlos und uninteressiert herunterkomponiert. Er macht hörbar, wie viel - bei aller äußeren Wahrung barocken Charakter - vom reifen und originellen Mozart auch in dieser Arbeit steckt.

Nicht nur haben der Kaiser Titus und der Aufsichtsratsvorsitzende Sarastro allerhand gemeinsam. Auch diese vorletzte Mozartoper ist - durch die Barockinstrumente deutlich hörbar - auf der Höhe der musikalischen Struktur instrumentiert. Es gibt Arien jeder Sorte bis hin zu den zwei berühmten, vom Bassetthorn und der Bassklarinette begleiteten. Dazu für Barockmaßstäbe ungewöhnlich viele, dramatische, einfache Ensembles und - eine Sonderleistung Jacobs - überraschend bühnenwirksam eingerichtete Rezitative. Es heißt immer, der späte Mozart habe - inklusive Idomeneo - sechs große Opern geschrieben. Es waren sieben.


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00:00 30.06.2006

Ausgabe 39/2020

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