Lauschangriff 16/06

Klassik-Kolumne Warum klassische Instrumentalmusik, auch dargeboten von erlauchtesten Vertretern, nicht nur zu hören sein soll (auf CD), sondern zugleich auf dem ...

Warum klassische Instrumentalmusik, auch dargeboten von erlauchtesten Vertretern, nicht nur zu hören sein soll (auf CD), sondern zugleich auf dem Bildschirm zu beobachten, wird mir ewig ein Rätsel sein. Ich gehöre leider nicht zu den Menschen, die jeden Sommer nach Aix-en-Provence fahren, um dort unterm südlichen Sternenhimmel im Innenhof des alten Bischofs-Palais´ die jeweils neue Produktion der Opernfestspiele zu erleben. Jetzt aber gibt es Patrice Chéreaus Inszenierung von Mozart/da Pontes Cosi fan tutte aus dem Sommer 2005 auf DVD. Und schon bin ich gewonnen für dieses Medium. Stephane Metges Bildregie fängt die offene Atmosphäre des Spielorts authentisch ein. Die Inszenierung öffnet sich dem Publikum. Zu Beginn treten die Protagonisten aus dem noch sommerabendhellen Zuschauerraum auf und ab. Jenseits aller Regietheatermätzchen spielen sie in Kostümen der Mozartzeit.

Recht unkonventionell hat Richard Peduzzi als Bühnenbild die pure Hinterbühne gewählt - mit allen Feuermeldern und Leitern, Telefonen und Gerätschaften, die so eine Hinterbühne hergibt, ergänzt durch Theaterkisten und Stahlrohrstühle zum Sitzen für die Sänger. Im Schatten beobachten Frauen und Männer aus dem Volk das Geschehen, als Randfiguren, wie ein schweigend antiker Chor. Gelegentlich greifen sie ein, singen an den drei von Mozart für Chor vorgesehenen Stellen, beleben balletthaft die Bühne oder stellen als Bühnenarbeiter Tische und Stühle bereit und wieder weg. Dass Bühne und Zuschauerraum auch hinsichtlich Handlung und Zeit eine, freilich raffiniert gebrochene, Einheit bilden - es geht hier wie dort um Illusion und Wahrheit einer von Menschen für Menschen inszenierten Geschichte -, verdeutlicht ein während zweier Opernstunden an der hellgraublau gekalkten Bühnenrückwand prangendes großes "Vietato fumare".

Aber leer ist diese Bühne nicht. Sie wird vielmehr, kraft darstellerischer Phantasie, von den Sängern gefüllt und beatmet. Nach so vielen Cosi fan tutte-Produktionen, die eine, nur ja um Originalität bemühte, Regie in Fitness-Center oder Bordelle, an Badestrände oder schlicht auf die Straßen der Bronx verlegt hatte, ist man selig, einmal wieder Raum zu bekommen für die eigene Imagination. Das allfällige Hervorkehren des Püppchenhaften der Damen, des machomäßig Mediokren der Herren am Beginn der Versuchsanordnung von Cosi fan tutte sowie beider globalisierte Banalität, waren in der Tat kaum noch zu ertragen in den Produktionen des digitalen Juste Milieu, das, statt sich - auf den Spuren Mozart/da Pontes - kritisch zu spiegeln, sich zuletzt nur noch eitel chargierend verdoppelte. Chéreau dagegen zeigt, das gesellschaftskritische Moment dem Zuschauerbewusstsein überlassend, von Anfang an die prekäre Seite des Spiels, den Tanz am Abgrund des Wirklichen. Schluss mit lustig. Keine Albernheiten selbst in der Vergiftungsszene. Alle Figuren werden Mensch für Mensch ernst genommen.

Bis auf die, freilich stimmlich voll überzeugende, Barbara Bonney als Despina verkörpern alle Sänger ihre Rollen perfekt. Fiordiligi zum Beispiel ist blond, ihre sonst gewohnten Dunkelheiten finden nicht im Äußeren statt, sondern in Spiel und Gesang der jungen Erin Wall. Auch Shawn Matheys Ferrandos Haar ist hell; der "Brunettino", den Fiordiligi im bezaubernden Schwestern-Duett erwählt, steckt in seinen Bewegungen, steigt auf aus seiner Kehle.

In dieser Deutung ist niemand dem anderen überlegen, niemand zieht die Fäden, alles ist immer gefährdet, und alle scheinen es zu ahnen. Der Schluss zeigt keine Paarungen mehr, nur Menschen im engen Kreis, die sich, wie Sportmannschaften vorm entscheidenden Spiel, zusammen drängen gegen ein mitleidloses Schicksal. Das passt zu den sinistren, von dunklen Holzbläsern abschattierten Ensembles, die Cosi fan tutte durchziehen wie keine andere Mozartoper. Sie klangen eigentlich immer mehr zart melancholisch als grob spaßig; ausgenommen die zwei Arien Despinas, eine Figur, die Chereau vielleicht unterschätzt. Das junge und frische, gespannt, virtuos und farbig aufspielende Mahler Chamber Orchestra unter Daniel Harding runden und schärfen Bild und Ton. Ein Hochgenuss. Für fast alle Sinne.

Mozart: Cosi fan tutte K. 588; Elina Garanca (Dorabella), Stéphane Degout (Guglielmo), Ruggiero Raimondi (Alfononso), Arnold Schönberg Chor; arte/virgin classics 00946 3444716 9 3


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00:00 11.08.2006

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