Lauschangriff 16/07

Musik-Kolumne Immer behauptet der Rapper Ali G - eine Kunstfigur des Komikers Sacha Baron Cohen -, aus Staines zu kommen, einer Vorstadt von London. Staines ist ...

Immer behauptet der Rapper Ali G - eine Kunstfigur des Komikers Sacha Baron Cohen -, aus Staines zu kommen, einer Vorstadt von London. Staines ist eine Kleinstadtödnis, und ein Hiphopgangster solcher Provenienz ein lustige Assoziation. Hard-Fi kommen wirklich aus Staines, doch aus Frust gedeiht die Kunst. Sechs Jahre nach der Gründung der Band ist Hard-Fi eine der kommerziell erfolgreichsten Bands in Großbritannien. Als Abschluss ihrer Europatournee spielen sie demnächst vor 15.000 Fans in der Arena von Wembley. Das zweite, aktuelle Album Once upon a Time in the West erreichte Platz 1 in den britischen Charts. Das Debütalbum Stars of CCTV entstand noch im Heimstudio, einer ehemaligen Taxizentrale in Staines. Hinter CCTV verbergen sich übrigens jene umstrittenen Überwachungskameras, die in Großbritannien landesweit installiert sind, um Kriminalität zu bekämpfen.

Naturgemäß handelten die Songs von Hard-Fi von einer tristen Jugend. Cash machine zum Beispiel sympathisierte mit Menschen, die mit ihrer EC-Karte kein Geld abheben können, weil das Konto zu weit überzogen ist. Die Rock-Dance Mischung erinnerte an The Clash, auch der zornige Gesang von Richard Archer klang wie ein junger Joe Strummer, der die Welt verändern will. Der Archer-Strummer-Vergleich ist verblüffend überzeugend. Archer ist genau so ehrgeizig wie Strummer es war, und Hard-Fi stecken jetzt schon in einem ähnlichen ethischen Dilemma wie The Clash Ende der siebziger Jahre. Wie kann man Songs singen, die davon handeln, wie arm man ist, wenn man reich geworden ist? Hard-Fi ist eine Working-Class-Band mit großen Hymnen für die unterprivilegierte Schicht. Beim Eröffnungsstück Suburban Knights singt Archer. "They say we are at war but we ain´t got time for that, cos those bills keep dropping through my door." Im Moment ist Verschuldung ein brisantes Thema auf der Insel, weil über eine Million Engländer durch hohe Immobilienpreise bis zum Hals in Verbindlichkeiten stecken. Die Leute besitzen bis zu 15 Kreditkarten, mit denen sie sich durch einen Teufelskreis hangeln. Anders als in Deutschland kaufen auch junge Leute in England Eigentum und kommen dann mit der Belastung nicht klar.

Nun wird Richard Archer seine Rechnungen bezahlen können, zumal er auch die kompletten Tantiemen kassiert. Auf dem Cover des neuen Albums steht als erstes: "Written by Richard Archer". Klar und deutlich, es sind seine Songs. Und es ist ein Mainstream-Meisterwerk. Ich habe vergeblich nach einem schwachen Stück gesucht, dabei lebe ich in einer Rockwelt, in der ich normalerweise schon glücklich bin, zwei, drei befriedigende Songs auf einem Album zu finden.

Die Songs beginnen wie Balladen von Robbie Williams, um sich zu Fußball-Gesängen zu entwickeln: Die betrunkene, lärmende Menge darf mitsingen. Die Perkussion, Streicher- und Bläserarrangements unterstützen die euphorische Wirkung der nahezu perfekten Pop-Platte.

In die Kritik geraten werden Hard-Fi, weil die Produktion etwas zu glattpoliert ist. Was nicht aus Versehen passiert ist: Wenn man Spike Stent, der mit Madonna und U2 gearbeitet hat, als Produzenten wählt, ist es klar, dass man einen spektakulären Sound anstrebt. Aber wir sollten deswegen nicht denken, dass Hard-Fi zahm geworden wären. Sie zeigen ihre Krallen, indem sie kein Bild auf das CD-Booklet gesetzt haben. Dort sind einzig die Wörter "No Cover Art" auf schlichtem gelben Hintergrund zu lesen. Angeblich ist darüber Streit mit der Plattenfirma ausgebrochen, die der Meinung war, dass der Verzicht aufs Foto ein krasser kommerzieller Fehler sei. Hard-Fi aber setzten sich durch. Auf ihrer MySpace-Seite ist als Selbstauskunft "Alternative, Indie, Punk" angegeben, und der sozialistische Indierockheld Billy Bragg ist erfreulicherweise ihr "Best MySpace Friend". Der Song We need love auf Once upon a Time in the West ist von Braggs Roman The Progressive Patriot deutlich inspiriert.

Billy Bragg nun ist ein Mensch, der nie mit dem Feuer des unkontrollierbaren Ruhms gespielt hat. Seine Integrität ist intakt. Richard Archer fühlt sich von Billy Braggs Wertvorstellungen zwar stark angezogen, will aber auch den unkontrollierbaren Ruhm. Er tanzt auf zwei Hochzeiten. Aber damit habe ich nicht gesagt, dass es ihm nicht gelingt.

Hard-Fi: Once upon a Time in the West, Wmi (Warner). www.myspace.com/hardfi


00:00 02.11.2007
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