Lauschangriff 17/08

Musik Nachmittag, die Berge strecken ihre schneebedeckten Nasen in einen strahlend blauen Himmel. Vorne auf der Bühne in einem lichten, halbtonnenförmigen ...

Nachmittag, die Berge strecken ihre schneebedeckten Nasen in einen strahlend blauen Himmel. Vorne auf der Bühne in einem lichten, halbtonnenförmigen Veranstaltungsraum, krümmt sich der Pianist Wolfert Brederode und lauscht den Klängen, die er mit einem Tastendruck aus dem Steinway-Flügel aufsteigen lässt. Gespannt hört er zu, wie sich die Klänge verbinden, wie sie sich kringeln und mit den Klängen, die die anderen drei Musiker auf der Bühne erzeugen kleine, wiederkehrende Muster bilden, akustische Geometrien, Überlappungen und Interferenzen. Es ist ein sehr kunstvoll gewobenes Geflecht, das hier entsteht, sorgfältig ausbalanciert, reich an Farben, fein und fragil. Ein Beitrag zu "Les Signes parmi nous", einem kleinen Festival mit aktuellen Musikern des Münchner Labels ECM, das im Mai auf Schloss Elmau, einem Hotel der Luxusklasse, abseits der Verkehrsströme in der atemberaubend idyllischen Bergwiesenlandschaft zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald stattfand. Es ist eine neue Vision von improvisierter Musik, die Brederode und seine Kollegen hier vorstellen, gleichermaßen entfernt vom Klischee eines "nordischen Tons", den man so gern mit dem Label verbindet, wie vom Straßenstaub, der dem Jazz lange Zeit anhaftete, vom Congo Square und dem Schweiß der Ballrooms. Ausgefeilte Klangkultur ist ihr Markenzeichen, dazu eine Entdeckerfreude, die vor keiner neuen Wendung zurückschreckt, und eine Spiellust, die sich nicht im Instant-Expressionismus des Höher-Schneller-Weiter festgefahren hat.

Und Brederodes Quartett ist nicht allein auf diesem Weg zu einem neuen Spielmodell des Jazz. Am Abend zuvor hatte der Pianist Stefano Battaglia sich mit seinem Sextett mit einer durchaus geistesverwandten Musik auf die Fährten begeben, die Pier Paolo Pasolini in der kollektiven Psyche seiner Heimat hinterlassen hat. Das Trio um den Pianisten Vassilis Tsabropoulos, das am folgenden Tag auf der gleichen Bühne stehen sollte, variierte die Balanceübung zwischen Improvisation, versprengten Rhythmen, byzantinischen Melodien und kantigen Harmonien noch einmal von einem entschiedener kammermusikalisch geprägten Standpunkt aus. Neu - und dennoch schon immer in der DNS des Labels angelegt, wie zwei Musiker, die dem Label schon seit mehr als dreißig Jahren verbunden sind, demonstrierten: der Pianist Bobo Stenson, ein ECM-Musiker der ersten Stunde, und die Sängerin Norma Winstone, beide mit Generationen übergreifenden Trios. Ausgereift, ruhig und gelassen und der eigenen Qualitäten völlig sicher, ist es ihnen ein Leichtes, im Brückenschlag zwischen den Generationen und Kontinenten auch den Pfeiler Jazz deutlich auszuspielen. Und bei aller Formstrenge in der Interaktion der Musiker wieder zu einer Leichtigkeit zu finden: kleine, selbstironische Scherzchen und ruppige Cluster, sanft perlende Harmonieumspielungen und tastende Improvisationsbewegungen, kantige und schwelgerische Melodieführungen. Sobald Norma Winstone nur einen Ton haucht, ist ohnehin alles gewonnen.

Und hier, in der gut genährten Bildungsbürgerlichkeit des cultural hideaway von Schloss Elmau, findet diese feinsinnige Musik optimale Aufführungsbedingungen, Proberäume, gute, frisch gestimmte Instrumente, eine Akustik, die es erlaubt, mit einem Minimum an Verstärkung zu arbeiten. Und eine exklusive Umgebung aus Natur und Luxus, in der es für einen Moment möglich scheint, den Alltag auszublenden. Ganz wie früher, als noch Fürsten und Könige auf ihren Schlössern das Sagen hatten.

Als Frage bleibt, ob sich die Musik dort wohl fühlt. Ob sie dort, unter den Hotelgästen, ein Publikum findet, das ihr die eingesetzte Energie zurückspiegeln kann und zu der überschwänglichen Begeisterung in der Lage ist, die sie verdient. Ob Musik gedeihen kann, wenn man sie nicht mit Alltag gießt.

Wolfert Brederode Quartet: Currents; S. Battaglia: Re: Pasolini; V. Tsabropoulos/A. Lechner: Chants, Hymns and Dances; B. Stenson/A. Jormin/P. Motian: Goodbye; Bobo Stenson Trio: Serenity, Do-CD; Bobo Stenson Trio: War Orphans; N. Winstone/G. Venier/K. Gesing: Distances; Azimuth: How It Was Then...Never Again (alle ECM)

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