Lauschangriff 18/03

Kolumne Das neue Album von The Coral Magic and Medicine ist nicht nur eine hinreißende Popplatte, sondern ein Album, das versucht, die Welt im Gleichgewicht ...

Das neue Album von The Coral Magic and Medicine ist nicht nur eine hinreißende Popplatte, sondern ein Album, das versucht, die Welt im Gleichgewicht zu halten, so wie ein Seehund einen Ball auf der Nase zu balancieren versucht. "Magie" steht für unsere irrationale, aber durchaus nachvollziehbare Sehnsucht. "Medizin" symbolisiert unser Bedürfnis, die Welt rational zu erklären. Unsere Köpfe bewegen sich irgendwo dazwischen, und deshalb sind wir oft verwirrt. Es ist das gute Recht der sechsköpfigen Band The Coral, noch keine Klarheit zu haben. Es ist verständlich, dass sie sich noch intensiv mit Dichtung und Wahrheit, Wissenschaft und Glaubensfragen beschäftigen. Sie sind alle lediglich Anfang zwanzig und dafür schon unglaublich weit in ihrer Entwicklung. Magic and Medicine ist bereits ihr zweites Album.

Ihr Debütwerk erschien letztes Jahr und war, nicht nur nach der Meinung der Musikkritiker, in ihrer Heimat England ein Erfolg. Nach einem solch vielversprechendem Einstieg hätte man eher gedacht, sie würden sich ein paar Jahre Zeit lassen, damit das zweite Album nicht enttäuscht. Aber sie befinden sich in einer solchen Phase jugendlich-kreativen Frische, dass die Ideen nicht aufhören zu fließen.

The Coral kommt aus Hoylake, eine Kleinstadt in der Nähe von Liverpool. Sie sind offensichtlich von der Liverpooler Songwritingtradition inspiriert worden, seien es die Beatles, The Teardrop Explodes, Echo the Bunnymen oder auch die unbesungenen Liverpooler Helden Shack und The Las. Die Ähnlichkeit mit den letzten Beiden ist besonders groß. Es bleibt zu hoffen, dass The Coral emotional stärker sind. The Las veröffentlichte 1990 ein brillantes Post-Beatles-Pop-Meisterwerk, aber der Songschreiber der Las Lee Mavers hat danach nie wieder etwas gemacht. Er hängt angeblich immer besoffen und verkifft in den Liverpooler Pubs herum, und verspricht den Leuten, dass das zweite Album in Arbeit sei.

Mit Shack, die Band um Mick Head, ist es ähnlich verlaufen, Es gab ein grandioses Album 1999 H.M.S. Fable. Dann fing Mick Head an, Heroin zu nehmen. Seine Karriere bekam er nicht mehr richtig auf die Reihe. Ein trauriges Ende für Menschen, die die wichtigsten Liverpooler Songwriter seit Lennon und McCartney waren. Nun gibt es wieder Hoffnung für die Stadt. The Coral´s Wurzeln liegen in dem "perfekten" Popsong, aber so wie alle großen Songwriter, erreichen sie das Ziel über Umwege. Sie sind bedeutend ideenreicher als die meisten englischen Gitarrengruppen, bleiben aber in ihrer Essenz doch eine klassische Gitarrenband. Das Album beginnt mit einer finsteren Orgel und endet mit einer sechsminütigen psychedelischen Kraftprobe. Dazwischen gibt es Popsongs, die auf unterschiedlichste Art entstanden sind. Der Sänger James Skelly hat einen markanten Gesangstil. Er jault auf liebevolle Weise, und weigert sich ein Handy zu besitzen, weil er meint, dass Mobiltelefone die Freiheit zerstören. The Coral nehmen sich auf jeden Fall die musikalische Freiheit, um zu tun, was sie wollen. Sie können anscheinend alles spielen: Psychedelia, Folk, Country, Blues, Bossa Nova. Man fragt sich, wie jung waren sie eigentlich, als sie angefangen haben Musik zu machen?

Ich bin der Meinung, dass sie am eindrucksvollsten sind, wenn sie sich einfach ausdrücken. In diesem Sinne sind die beiden Singles die "perfekten" Popsongs auf der Platte. Don´t think you are the first ist eine einfache psychedelische Nummer mit schlichter, aber dominanter Orgel. Pass it on ist ein simpler Gitarrenfolksong. Thematisch reflektieren die Lieder über Liebe und Tod. Pass it on handelt nicht vom Kiffen, wie oberflächliche Gemüter vielleicht vermuten würden. Die Songs, die am wenigsten gelungen sind, sind die, bei denen sie versuchen, sich vom Popformat zu distanzieren. Sie haben zum Beispiel mit Milkwood Blues durchaus ehrenhafte Intentionen. Der Text vergleicht ihre Heimat Hoylake mit dem Dorf, das in Dylan Thomas´s Werk Under Milkwood dargestellt wird, nämlich die Kleinstadtmentalität mit neugierigen, indiskreten Nachbarn. Musikalisch kommt der Song nie auf den Punkt und schießt über das Ziel hinaus. Fast könnte man jetzt schlechtes Gewissen bekommen, Zwanzigjährigen so kritisch gegenüber zu sein. Wenn man sich vorstellt, dass das hier nur der Anfang ist, ist allerdings kaum auszumalen, wozu diese Band noch fähig sein könnte.

00:00 22.08.2003

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