Lauschangriff 18/04

Kolumne "Gutbürgerliche Avantgarde-Popmusik", der Begriff klingt völlig absurd, aber ich möchte behaupten, dass Sonic Youth genau so beschrieben werden kann. ...

"Gutbürgerliche Avantgarde-Popmusik", der Begriff klingt völlig absurd, aber ich möchte behaupten, dass Sonic Youth genau so beschrieben werden kann. Die Gruppe wurde 1981 in New York City gegründet, und war ein unentbehrlicher Bestandteil der New York Noise-Szene der frühen achtziger Jahre. Swans und Lydia Lunch waren weitere wichtige Komponenten dieses New Yorker Zeitgeists, und die Künstler gingen oft zusammen auf Tour. Dadurch verfestigte sich die Vorstellung einer einheitlichen New Yorker Szene. Drei der Gründungsmitglieder von Sonic Youth sind heute noch dabei: Thurston Moore (Gitarre), Kim Gordon (Bass) und Lee Ranaldo (Gitarre). Alle drei sind Sänger und wechseln sich ab; alle fünf Mitglieder der heutigen Besetzung sind Songwriter. Das erklärt vielleicht, warum es die Band überhaupt nach 23 Jahren noch gibt. Welche Gruppe hat schon so viele Komponisten? Das neue Album Sonic Nurse ist ihr 19. Werk. Die Band hat eine offizielle Aussage zum Album gemacht, um es definieren: "Die Songs liegen irgendwo zwischen Fleetwood Mac und Black Flag." Sie tanzen also auf zwei Hochzeiten. Fleetwood Mac war sophisticated Pop auf Hochglanz gebracht, während Black Flag, eine legendäre siebziger-Jahre-LA-Band, der Inbegriff des Punkchaos darstellte. Sonic Youth versuchen, eine Brücke zwischen diesen Welten zu schlagen.

Zwar gilt Sonic Youth als extrem innovativ, aber jeder hat so seine Vorbilder. Auf jeden Fall sind sie Fans des New Yorker Avantgardisten Glenn Branca. Vor ein paar Jahren haben sie ein Coverversionen-Album Goodbye Twentieth Century veröffentlicht, bestehend aus avantgardistischen Stücken diverser moderner klassischer Komponisten. Sie haben auch immer mit ihren Gitarren experimentiert und wollten nie eingesehen, dass die Gitarre angeblich ein beschränktes Mittel sei.

Erst seit ein paar Jahren ist übrigens der Songwriter Jim O´Rourke als fünfter Mann und extra Gitarrist mit an Bord. Wenn die Gitarren von Sonic Youth sich ineinander verschlingen, hat ihre Musik etwas Hypnotisches; es herrscht ein Gleichgewicht zwischen Melodie und Krach. Wohl deshalb wirken ihre Songs nie so lange, wie sie in Wirklichkeit sind. Die sieben Minuten von I love you golden blue auf Sonic Nurse kommen einem nämlich wie höchstens drei vor. Allerdings muss man sich hypnotisieren lassen, sonst kann man diese Band nicht verstehen. Die langen Jams und die Pausen zwischen den Noten würde man als anstrengend empfinden, wenn Sonic Youth nicht letztendlich im Herzen doch Punks wären. Der Drummer Bob Bert wurde einst gefeuert, weil er nicht "wild" genug war. Sonic Youth können nämlich auch auf primitivem Rockniveau unsere niedrigen Instinkte befriedigen. Die Band hat über sich selbst gesagt: "Wir sind populistisch, nicht pop". Es gab eigentlich nur ein "kommerzielles" Album von ihnen, Dirty von 1992. Damals wäre Sonic Youth fast eine Mainstreamband geworden. Sie machten ein Video mit der Band auf Rollerblades; offenbar wollte man die MTV-Jugend beeindrucken. Grunge war damals nämlich sehr präsent. Nirvana´s Nevermind wurde 1991 zum globalen Hit und man konnte schon nachvollziehen, dass Sonic Youth auch gerne größere Kreise ziehen wollten. Aber Dirty war nur ein bescheidener Erfolg und danach die Band wieder die alte, mit ihren langen epischen Songs, die keine Rücksicht auf Radiotauglichkeit nahmen.

Als Daydream Nation 1988 erschien, dachte ich, dass sie dieses Album nicht mehr übertreffen könnten. Ich finde zwar, dass ich Recht behalten habe, aber dennoch habe ich Sonic Youth unterschätzt. Ich habe nicht mit ihrem Durchhaltevermögen gerechnet. Ich wusste aber auch nicht, dass Kim Gordon und Thurston Moore heiraten und eine Familie gründen würden. Die Bandmitglieder sind inzwischen um die 50. Als NYC Ghosts and Flowers Ende der Neunziger herauskam, schien das Ende in Sicht zu sein. Das Album war ein absoluter Tiefpunkt. Aber dann erschien 2002 Murray Street, das zu einer ihrer besten Platten gehört. Sonic Nurse ist eine angenehme Fortsetzung, wenn auch ohne große Überraschungen. Sie sind als New Yorker Institution berechenbar geworden. Es sind Abnutzungserscheinungen aufgetreten. Der Wagen fährt noch einwandfrei, aber dennoch merkt man, dass es sich um einen Gebrauchtwagen handelt. Sonic Youth sind immer noch sehr gut, aber eben im konservativen Sinne.


00:00 30.07.2004
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