Lauschangriff 18/06

Klassik-Kolumne Es gilt fürs Leben wie für die Musik: Vertrautes, das nur vertraut bleibt, neigt zu Eintönigkeit. Und Fremdes, das nie durchdrungen ist von einer ...

Es gilt fürs Leben wie für die Musik: Vertrautes, das nur vertraut bleibt, neigt zu Eintönigkeit. Und Fremdes, das nie durchdrungen ist von einer Ahnung des Vertrauten, bleibt fremd. Erst mit der Dialektik zwischen beidem regt sich Leben, das dauern kann, indem es sich entwickelt.

Für Mauricio Kagel ist das Fremdsein Familienerfahrung. Seine Großmutter, sie stammte aus dem Ghetto von Odessa, riet ihrem Enkel, Sprachen zu lernen: Es sei das Einzige, das der Zöllner an der Grenze den Juden nicht wegnehmen könne. Familie Kagel war aus dem zaristischen Russland ins kaiserliche Deutschland und in die Weimarer Republik geflohen, von dort - rechtzeitig - nach Argentinien. Mauricio Kagel spricht viele Sprachen. Am besten die Sprache der Musik. Er lebt seit Mitte der fünfziger Jahre in Köln.

In Mauricio Kagels Musik geht es um Grenzen, ums Überschreiten von Grenzen, um Fremdsein. Über den Umweg der Entfernung hilft es, in die Nähe zu kommen von etwas Wichtigem. Zum Beispiel die wunderbar seltsame Art, in der Kagel in seinen beiden Klaviertrios mit der gewohnten Tonalität verfährt. Er biedert sich der verbreiteten Sympathie nicht an fürs Wiedererkennen des Verfremdeten. Denn er verfremdet nicht eigentlich; paust nicht gewisse Wendungen der alten Meister durch, um sie aus den Regeln der Konvention zu lösen und daraus musikalisch scheinbar Neues zu entwickeln. Kagels Klaviertrios basieren harmonisch auf ihrer eigenen Logik. Die entwickelt - ohne "Anklänge", aber mühelos und tief - Wirkungen, die den romantischen gleichen, weil einleuchtet, was man hört; weil es an dieselben Stellen der Seele rührt, an die sonst Wendungen Schumanns, Tonfälle Schuberts rühren, zum Beispiel die Traurigkeit am langen Ende des Trio Nr. 2, fertig komponiert in völliger Abgeschiedenheit in Italien, am Mittag des 11. September 2001, zwei Stunden, bevor jene Nachricht um die Welt ging. Die Trios klingen, auf je eigene Weise, fremd, weil sie neu klingen. Im besten Sinn unerhört. Aber das Neue drängt sich nicht auf als Neuigkeit, es demonstriert sich nicht. Aus Fremdheit kann so Neugier werden, aus Neugier neues Vertrautsein.

Eine neue Aufnahme der Schubertschen Winterreise D. 911 funktioniert umgekehrt: So wie Christine Schäfer dieses so oft gehörte Werk singt und wie Eric Schneider sie am Klavier begleitet - wird aus Vertrautheit Fremdsein. Allerdings ein nicht nur Schubert, dem einsamen Wanderer, gemäßes, ein auch sehr wünschenswertes Fremdsein. "Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh´ ich wieder aus" heißt es in Wilhelm Müllers Dichtung. Der Wanderer bei Schäfer/Schneider schleppt sich nicht, wie sonst meist, durch die Wintertrübnis. Er flieht in Eile. Aber wovor?

Schon dass die von einem liebeskummervollen Mann gedichtete Klage von einer Frau gesungen wird, befremdet. Schäfer verweigert Lieblichkeiten, die einem konventionell timbrierten Sopran auch an Stellen unterlaufen, die eigentlich ungemütlich klingen sollten. Dagegen dosiert sie ihr, wenn nötig köstlich helles, von Leben beflügeltes Vibrato am Text entlang. Die Tränen, "gar so lau", erstarren zu Eis in einer Art Sprechgesang. An anderen Stellen streut sie feine Verzierungen, weiß sich lang zurückzuhalten in reich gestalteten Pianissimo-Passagen. So dass Platz bleibt für Steigerung und Drama.

Es entsteht nicht, wie üblich, die Illusion von Winter als Metapher für Einsamkeit und Seelenstarre. Die Vertrautheit der Worte weicht etwas Neuem. Sie sind nicht mehr Medium, das sich auflöst im Entstehen des Films einer Winter- und Seelenlandschaft (für den Film sorgt noch das Klavier). Sondern wie ein Theatertext, der als Wortkunst präsent bleibt, unabhängig vom Geschlecht der Stimme, unabhängig auch von der Wirklichkeit der Natur und Seele, die diese Wortkunst stiftet. Der Winter bekommt etwas kostbar Elfenbeinernes in diesem Plan. Krähe und Posthorn, Lindenbaum und Leierkasten und das Eis über Wasser und Herz - nichts fehlt. Aber verwandelt durchs Fremde. Und so seltsam. So blitzneu und dämmernah.

Mauricio Kagel: Klaviertrio Nr. 1 und 2 + Alfred Schnittke: Trio für Geige, Cello und Piano - Liszt-Trio Weimar; harmonia mundi/aeon AECD 0639

Schubert: Winterreise D. 911 - Christine Schäfer, Sopran, Eric Schneider, Piano; onyx 4010

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00:00 08.09.2006

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