Lauschangriff 18/07

Musik Hektische Indiebands aus der Grafschaft Yorkshire in Nordengland sind der letzte Schrei: Arctic Monkeys, The Cribs, The Pigeon Detectives. Man könnte ...

Hektische Indiebands aus der Grafschaft Yorkshire in Nordengland sind der letzte Schrei: Arctic Monkeys, The Cribs, The Pigeon Detectives. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen, sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Und dann, ganz unerwartet, weht der Rock´n´Roll-Wind kurz aus einer anderen Richtung. In Leeds, Yorkshire wird eine Band ins Leben gerufen, die majestätisch, melodramatisch, melancholisch klingt. Die Gruppe nennt sich iLiKETRAiNS, weil sich ihre Mitglieder als Kinder für Modelleisenbahn und für richtige Züge interessiert haben.

Die Band verspürt nicht das Bedürfnis, Probleme des Jugendlichseins in den Songs auszuschlachten, sie interessiert sich für Geschichte. Das Debütalbum Elegies to Lessons learnt ist ein Konzeptwerk, jedes Lied erzählt eine traurige Story, wobei in zwei Kategorien unterschieden werden muss: Tragödien, die viele Menschen betreffen, und das Unglück einzelner Personen.

Die erste Kategorie wird durch Lieder wie We all fall down vertreten, in dem es um die Beulenpest im England des 17. Jahrhundert geht. Die Titelzeile ist einem Kinderlied entliehen, dessen deutscher Name "Der Ringelreihen" lautet und das ursprünglich ebenfalls von der Pest handelte. Twenty five Sins beschreibt den Schrecken des "großen Londoner Feuers" von 1666. We go hunting erzählt von den Hexenprozessen in Salem 1692, als in Amerika Frauen von Puritanern auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Zur zweiten Kategorie sind Songs wie Spencer Perceval zu rechnen, in dem von dem gleichnamigen britischen Premierminister die Rede ist, der 1812 einem Attentat zum Opfer fiel. Zu den persönlichen Dramen gehören aber auch Geschichten aus dem letzen Jahrhundert: Death of an idealist schildert den Fall des britischen Labour-Politikers John Stonehouse, der 1974 wegen finanzieller Schwierigkeiten erfolglos seinen eigenen Tod vortäuschte.

Oberflächlich betrachtet ist Elegies to Lessons learnt erbarmungslos düster. Musikalisch handelt es sich um Post-Rock, den wir von Instrumentalgitarrenbands wie Mogwai, Explosions in the Sky oder Godspeed you black Emperor kennen. Kurz: Ruhige Passagen wechseln sich mit lauten Passagen ab. Bei iLiKETRAiNS gibt es zudem immer Gesang. Das Quintett ist von Ken Thomas produziert worden, der mit Sigur Ros zusammengearbeitet hat. Wie bei den Isländern sorgt Thomas bei iLT für elegantes Pathos. Die morbiden Themen werden aber auf euphorisch-musikalische Art und Weise umgesetzt. Bläser und Streicher sorgen dafür, dass der Gitarrensound nicht zu erdrückend wird.

Ich vermute Ironie. So kann man zum Beispiel die Zeile "This time the French are not to blame" (Diesmal kann´s nicht auf die Franzosen geschoben werden) aus Twenty five Sins unmöglich ernst nehmen. Auch die Zeile "This town is burning down" (Diese Stadt brennt nieder) ist so platt, dass man sie nur mit ironischem Unterton versteht. Bestimmt schmunzeln iLT auch bei dem Titel The Deception, der von dem Engländer Donald Crowhurst handelt. Dieser nahm 1968 an einem Wettbewerb teil, bei dem es galt, mit einem kleinen Segelschiff um die Welt zu fahren. Crowhurst musste die Reise abbrechen, wollte das aber nicht zugeben und schickte deshalb Meldungen heraus, die den Eindruck erwecken sollten, dass er noch unterwegs sei. Als er merkte, dass keiner ihm glaubte, beging er Selbstmord. So tragikomisch wie Crowhursts Geschichte ist, so tragikomisch finden iLiKETRAiNS die Welt überhaupt.

Der Gesang von David Martin passt zwar zur düsteren Musik, ist qualitativ aber nicht wirklich gut. Martin hat eine monotone Baritonstimme, die leicht satirefähig ist in einer Weise, wie man es von künstlich depressiven Dark Wave Bands kennt. So erweist sein Gesang der Band leider einen schlechten Dienst: Man bekommt das Gefühl, dass die Platte dadurch eindimensionaler wird, als sie in Wirklichkeit sein müsste. Dennoch: Die Band hat riskiert, dass sie wegen aufgesetzter Grimmigkeit belächelt wird. Elegies to Lessons learnt ist eine tapfere Lektion von einer sehr mutigen jungen Band.

iLiKETRAiNS Elegies to Lessons learnt, Beggars Ba (Indigo).

00:00 14.12.2007

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