Lauschangriff 20/05

Klassik-Kolumne Als junger Chef beim Oslo Philharmonic saß er mir gegenüber, Mitte der neunziger Jahre im feinen Hotel Bristol, am Ende der Johansgate im Zentrum der ...

Als junger Chef beim Oslo Philharmonic saß er mir gegenüber, Mitte der neunziger Jahre im feinen Hotel Bristol, am Ende der Johansgate im Zentrum der norwegischen Hauptstadt. Am Anfang in Oslo, erzählte er, habe er so wenig Geld gehabt, dass er, wenn er von Leningrad herüberkam über die Ostsee, immer Stullenpakete mitgenommen habe. Er zeigte mir schmunzelnd die Stelle auf dem Fenstersims draußen, auf die er sie abends gelegt hatte, damit sie frisch blieben für den kommenden Tag.

Der Lette Mariss Jansons ist berühmt geworden mit dem norwegischen Orchester, das Orchester mit ihm. Als er 1979 begann, war es ein Drittliga-Ensemble. Als er 2000 ging, gehörte es zum erweiterten Kreis der weltbesten Klangkörper.

Jansons ist ein nicht eben großer, aber stämmiger Mensch. Etwas von seiner Gestalt klingt mit im Stil seines Dirigierens: Er bewegt sich athletisch und kraftvoll; die von ihm geleiteten Orchester sind entsprechend stark rhythmisch akzentuiert. Jansons liebt gestochen scharfe Bläsersätze. Man spielt energiegeladen unter ihm, in straffen Tempi, federnd und - bei aller Kompaktheit und gelegentlichen Wucht - nicht untransparent.

Er kommt aus der großen Schule des Leningrader Konservatoriums; sein Vater Arvid lehrte dort Dirigieren. Bei dessen Kollegen Jevgeni Mavrinksky, der viele der Sinfonien Schostakowitschs uraufführte, war der 28-jährige Jansons ab 1971 Schüler und Assistent. Seit 1985 ist er an der Neva unter Musikdirektor Yuri Temirkanov Chefdirigent der St. Petersburger Philharmoniker.

Jansons war immer ein Arbeitstier. Ende der neunziger Jahre setzte sich sein mit damals drei Chefpositionen - Oslo, Leningrad und Pittsburg (1997 bis 2004) - schwer geprüfter Organismus mit einem Herzinfarkt zur Wehr. Er hat gekontert: Seit der Spielzeit 2003/04 ist die Chefposition beim Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks, seit 2004 der Musikdirektorposten beim Concertgebouw Orkest hinzugekommen.

Für seinen ersten CD-Zyklus hat er damals in Oslo - die dortigen Philharmoniker waren noch absolute Niemande - kein Label gefunden. Erst als Jansons und die Musiker die Produktion aller Tschaikowsky Sinfonien selbst vorfinanzierten, erbarmte sich das britische Label Chandos. Auf sieben CDs ist ein beeindruckend unpathetischer, unsüßlicher, ein in seiner Schönheit auch strukturell ernst zu nehmender Tschaikowsky entstanden.

Dem Schostakowitsch-Sinfonien-Zyklus, den er bislang mit allen seinen Orchestern aufgenommen hat, fügte Jansons, zusammen mit dem bayrischen Klangkörper, nun die Vierte Sinfonie hinzu. Mit diesem Werk brach der junge Schostakowitsch (1906-1975) die genialisch experimentellen, modern satirischen Anfänge seines Talents ab. Die zwischen Mahler, Berg und viel Eigenem operierende Vierte wurde erst 1961 uraufgeführt., denn 1936 war es lebensgefährlich, einem Geschmack zuwider zu handeln, dessen Spießigkeit sich "sozialistisch" plakatierte, "Volk" sagte und Cliquenmacht meinte.

Igor Strawinsky (1882-1971), wie Schostakowitsch aus St. Petersburg gebürtig, hat sich alldem durchs Exil entzogen. Er blieb seiner Heimat bis übers Ende verbunden, indem er sich auf dem russisch-orthodoxen Teil des Friedhofs von San Michele in Venedig beisetzen ließ. Sergej Diaghilev liegt ebenfalls dort begraben, mit seiner legendären Ballettkompanie Initiator jenes "Laboratorium für moderne Kunst" (Milhaud), das seine Arbeit 42 Jahre vor Strawinskys Tod einstellte.

Ihm verdankt sich auch Der Feuervogel, der vielleicht deshalb so überaus beliebt ist, weil er noch nicht die luzide, radikale Strenge und Klarheit des späteren Strawinsky hat. Es scheint, als habe Jansons mit zunehmendem Alter mehr Freude - und mit den bayrischen Rundfunkmusikern auch das Orchester dafür - an den feinen Valeurs und dem ppp-Klangzauber des Werks, mit dem Strawinsky weltberühmt wurde. Nichts hat Jansons verloren von der jugendlichen Lust am scharfen Akzent. Es ist indes eine Geschmeidigkeit hinzugetreten, ein kompetenter Spaß am Halblichtigen und Ungreifbaren, die neugierig machen auf alles, was da noch kommt.

Tschaikowsky: Alle Sinfonien - Oslo Philharmonic; Chandos CHAN 8672. Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 4 - Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks; EMI 557824. Strawinsky: Feuervogel Suite - Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks (+Schtschedrin: 5. Klavierkonzert) sony classical 82876703262001.


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00:00 12.08.2005

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