Lauschangriff 21/06

Musik-Kolumne Depression und Drogensucht sind häufige Begleiter von sensiblen Musikern. Wenn man nicht selbst betroffen ist, kann man sich an dieser ...

Depression und Drogensucht sind häufige Begleiter von sensiblen Musikern. Wenn man nicht selbst betroffen ist, kann man sich an dieser selbstzerstörerischen Romantik des Rock´n´Roll ergötzen und sich womöglich darüber beklagen, wie langweilig doch die Alben eines Künstlers geworden seien, seitdem er in klinischer Behandlung war und es zu einem glücklichen Privatleben gebracht hat. Über Sparklehorse aus Virginia kann man sich in dieser Hinsicht nicht beschweren - der Kopf der Band, Mark Linkous, ist nicht im Geringsten zur Ruhe gekommen. Es ist nicht abzusehen, dass er jemals eine gemütliche Platte machen wird, die nichts außer Glück und Freude vermittelte.

Das neue Album heißt Dreamt for light years in the belly of a mountain (Träumte für Lichtjahre im Bauch eines Berges). Der Titel ist so schleierhaft wie Linkous selbst. Es ist das vierte Sparklehorse Album; das letzte liegt allerdings fünf Jahre zurück. Es heißt, Linkous sei in der Zeit von seelischen Problemen geplagt gewesen; er ist vielleicht auch deshalb von seiner Heimat Virginia nach North Carolina umgezogen, wo er sein eigenes Studio gebaut hat. Einige der "neuen" Songs sind im engen Sinne gar nicht neu. Der Song Shade and Honey etwa wurde 2002 vom Allesandro Nivola im Film Laurel Canyon gesungen. Zwei andere Lieder, Morning Hollow und Ghost in the Sky waren schon 2001 (sehr gute) B-Seiten. Sehr produktiv war Linkous also in letzter Zeit nicht, aber das Endresultat ist ausschlaggebend: Das neue Werk wirkt trotz alledem nicht zerstückelt, sondern wie eine Einheit.

Das letzte Album It´s a wonderful life brachte Linkous nahe an den Mainstream-Erfolg heran. Er war von renommierten Gästen wie Nina Persson (The Cardigans) und PJ Harvey umgeben. Die Produktion verlief für Sparklehorse-Verhältnisse sehr glatt. Dreamt for light years... erinnert nun wieder eher an die schlichte Schönheit des Debütalbums Vivasubmarinetransmissionplot. Die Songs sind so "understated" wie es nur irgendwie geht. Sogar an den Stellen, in denen er es zulässt, dass Hiphop-Produzent Danger Mouse verzerrte Geräusche und kleine Unregelmäßigkeiten einbaut, wie beim Eröffnungsstück Don´t take my sunshine away, bleibt die zarte Schönheit des Songs unversehrt. Beim zweiten Lied Getting it Wrong ist Linkous so nah am Mikrofon, dass er fast beim Hörer im Wohnzimmer sitzt. "They´re playing our song, they´re getting it wrong", singt er. Es ist ein unheimliches und ein sehr intimes Lied.

Sol Seppy, die die Backing Vocals beiträgt, und die auch gerade ein eigenes Album The Bells of 1 2 herausbrachte, hat bereits 2001 mit Sparklehorse zusammengearbeitet. Sie ist momentan auf Tour mit Linkous und tritt gleichzeitig auch im Vorprogramm auf. Ihr wichtigster Beitrag auf dem neuen Album ist der Song Morning Hollow. Bei diesem Lied erscheint ihr Gesang atmosphärisch so eindrucksvoll, dass aus der Hintergrundstimme ein Duettpartner für Linkous wird. Der Song ist sieben Minuten lang und besitzt jene Eindringlichkeit, die einen nicht mehr loslässt. Seppys klare Stimme gegen Linkous´ versoffenen, undeutlichen Gesang zu hören - das ist ein wahrer Genuss. Noch dazu spielt hier Tom Waits auf dem Klavier. Das Lied ist, wie gesagt, bereits fünf Jahre alt, aber es scheint ganz und gar hierher zu gehören, auf Dreamt for light years in the belly of a mountain.

Überhaupt können Sparklehorse-Songs im Grunde nicht alt klingen, weil sie sich gewissermaßen alle wie die Werke eines alten Mannes anhören. Linkous´ Stimme klang nie jung, sondern immer schon ziemlich reif. Außerdem ist er nicht nur ein guter Songschreiber, sondern ein richtiger Poet: "And autumn rain soaked the dried beds and the hurricane of her eyes willed away the knives of summertime" singt er auf dem Stück Knives of Summer. Das sind wahrlich überdurchschnittliche Rocktexte. Sparklehorse mögen in der Vergangenheit schon deutlich unkonventioneller geklungen haben, vor allem auf dem zweiten Album Good Morning Spider. Die neuen Songs sind dagegen eher "normale" Folkrock-Kompositionen mit interessanten Soundeffekten. Seine Welt ist traurig, aber schön, das formuliert Linkous treffend und knapp mit einer Textzeile im Stück Shade and Honey. Dort beschreibt er sich selbst: "It´s like a civil war of pain and cheer."

Sparklehorse auf Tour: 29.10. Köln, Gebäude 9, 30.10. Hamburg, Molotow.


00:00 03.11.2006

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