Lauschangriff 22/04

Kolumne Charles Dickens hat über Londoner "Eastenders" wie the Libertines geschrieben. Es gab zu der Zeit des großen britischen Schriftstellers noch keine ...

Charles Dickens hat über Londoner "Eastenders" wie the Libertines geschrieben. Es gab zu der Zeit des großen britischen Schriftstellers noch keine Rockmusik, aber charmante Taugenichtstypen wie Oliver Twist, die sich mehr schlecht als recht durchschlugen, die gab es schon. Auch heute unter dem Londoner Proletariat gibt es viele Menschen, die keinen richtigen Beruf haben. Wenn man sie danach fragt, sagen sie, dass sie "ein bisschen dies, ein bisschen das machen". Ihre Aktivitäten sind nicht immer ganz legal: Sie verkaufen Bootlegs auf dem Markt, dealen ein wenig mit Drogen, aber nur "unter Freunden", auch wenn der Freundeskreis so groß ist, wie das Stadtviertel in dem sie wohnen. Sie haben eine raue Schale und einen weichen Kern. Sie sehen asozial aus, aber ihr Herz ist aus Gold. Aus diesem sozialen Umfeld stammen The Libertines (zu Deutsch "die Gesetzlosen, die Befreiten"), die gerade ihr selbstbetiteltes zweites Album The Libertines veröffentlicht haben. Die Vorabsingle Can´t stand me now erreichte Platz 2 in den britischen Charts. Man rechnet definitiv mit einer Nummer 1 Platzierung in den Album Charts. Auf der Insel herrscht das Libertines-Fieber.

Musikalisch gleichen sie The Clash und The Jam in der Phase, als die beiden Gruppen am Gipfel ihres Schaffens waren. Es ist bezeichnend, dass der ehemalige Clash-Gitarrist Mick Jones beide Libertines Platten produziert hat. Die Seelenverwandtschaft ist eindeutig, obwohl die politische Agenda von The Clash viel deutlicher und letztendlich intelligenter war. The Clash waren eher frühreif, während The Libertines eher Spätentwickler sind. Die Attitüde der jungen Londoner ist dieselbe wie bei den großen Punk Bands: Sie sind ehrlich und unaffektiert, ein bisschen schlampig und schlecht organisiert. Ihre Tendenz zur Inkompetenz ist ihre Tugend, und trägt lediglich zur Authentizität bei. Lügen sind nicht erlaubt. Halblügen sind noch schlimmer, und deshalb ist das neue Album vom Textlichen her ziemlich anstrengend, in seiner Offenheit vielleicht sogar peinlich. Die Songs dokumentieren nämlich die Liebe-Hass-Beziehung zwischen den Bandmitgliedern Pete Doherty und Carl Barat. Die Briten lieben ihre Arbeiterklasseseifenopern, und The Libertines wären für solche Drehbücher gut geeignet. Die Boulevardpresse hat die Band schon längst als Skandalgeschichte aufgegriffen. Die viktorianische Doppelmoral der Berichte in der Tagespresse erinnern an die "schockierenden" Meldungen in den sechziger Jahren über The Rolling Stones. Die Journalisten tun moralisch empört, genießen aber jede Sekunde und wollen mehr. Und The Libertines bieten ihnen mehr.

Drummer Gary Powell und Bassist John Hassell kommen allerdings kaum vor. Man sollte zwar nicht vergessen, wie der aufregende Bass und das leicht verwirrte Schlagzeug zum Libertine´s Durcheinander beitragen. Dennoch ist die Rede immer nur von Pete und Carl. Pete Doherty ist der Problemfall: er ist cracksüchtig und versucht vergeblich, clean zu werden. Gerade war er in einer Drogenklinik in Thailand, brach aber die Behandlung nach einer Woche ab. Die buddhistischen Mönche fand er zwar eindrucksvoll, aber deren Philosophie passe nicht zum Ehrgeiz und zum Hedonismus seiner Band, meinte er. 2003 saß er zwei Monate im Knast, weil er in Carls Wohnung einbrach, und diverse Gegenstände klaute. Carl holte ihn, als er entlassen wurde, vom Gefängnis ab. Sie fielen sich in die Arme und noch am selben Abend traten sie als Duo in einem Londoner Club auf und erklärten dabei ihre unsterbliche Freundschaft. Doherty steht jetzt wegen illegalen Waffenbesitzes erneut vor Gericht. Carl hat ihn zweimal gefeuert. Momentan spielen sie auf Konzerten ohne ihn, aber das neue Album ist mit ihm entstanden. Carl und Pete umarmen sich zärtlich auf dem Cover des Albums. Sie lieben sich also. Ihr Wechselgesang bei den Songs verstärkt das Gefühl, dass die Beziehung zwischen den Beiden die ganze Basis der Musik ist. Beim Song "Last Post on the Bugle" singt Doherty "If I have to go, I will be thinking of your love, oh somehow you will know, I don´t know how, but you´ll know." Kann Rockmusik zu sehr autobiographisch sein? Ist es irgendwann schamlos? Darüber machen sich die "befreiten" Libertines keine Gedanken.


00:00 10.09.2004

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