Lauschangriff 22/06

Klassik-Kolumne Was Einfluss und Macht besonders im Geistigen wert sind, wird offenkundig immer erst, wenn ein Mächtiger, einer mit Einfluss, hin ist. Joachim C. ...

Was Einfluss und Macht besonders im Geistigen wert sind, wird offenkundig immer erst, wenn ein Mächtiger, einer mit Einfluss, hin ist. Joachim C. Fest (1926-2006) war mächtig und einflussreich. Nachdem ihm die Achtundsechziger einen Schock fürs Leben versetzt hatten, war er Zeit seines weiteren Daseins erfolgreich damit beschäftigt, die großkapitalistische Ausbeutung und Herrschaft über Politik und Gesellschaft als die entscheidende Ursache von Faschismus und Krieg auf jede Weise zu vernebeln.

Die Erde auf dem Grab dieses lange Zeit führenden Machthabers über den Zeitgeist hat sich freilich noch nicht verfestigt, da ist Joachim C. Fest fast vergessen, zumindest schrumpft sein Bild in Richtung Realgröße und sichtbar wird ein mäßig begabter, übermäßig ehrgeiziger Aufsteiger mit einem Faible für den herrschaftsdienenden Kampf gegen ein Paar wichtige Wahrheiten.

Es ist nebenbei interessant, dass unter den großen Namen, mit denen Fest sich zu schmücken beliebte, Literaten wie Ernst Jünger und bildende Künstler wie Horst Janssen waren, kaum indes ein Musiker; für die Musik war er scheint´s zu hart und gar zu dröge.

Einem Musiker wie Herbert von Karajan ist es mit dem Nachruhm allerdings ähnlich ergangen wie dem Kopfmenschen Fest. Karajan hat Beethovens Sinfonien sicherheitshalber gleich viermal aufgenommen. Der Fachwelt gelten die Aufnahmen mit Réné Leibowitz oder Carlos Kleiber gleichwohl als bedeutsamer: Anders als Karajan hielten diese Beiden nichts davon, Beethovens musikalisch-politische Querständigkeit an die Gebräuche gefühlig repräsentativer Affirmation zu verraten.

Heute setzt die von Karajan jahrzehntelang bekämpfte historische Aufführungspraxis mit Aufnahmen von John Eliot Gardiner oder - auf modernen Instrumenten, aber in historisch informierter Stilistik - von David Zinman die Maßstäbe.

Im Fall von Beethovens Sinfonien, sollte man allerdings meinen, alles Wichtige wäre gesagt. Indessen, nicht nur die Interpretationskunst und technische Perfektion der Musiker entwickelt sich - auch das Zeitgefühl der Rezipienten. So kann man hier per Tonträger ein kleines Wunder erleben. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Leitung ihres neuen Musikdirektors Paavo Järvi, hat nämlich begonnen, den 29. Zyklus mit Beethoven-Sinfonien auf CD zu bannen. Und da beantwortet sich die spontan auftauchende Frage: "Musste das denn nun auch noch sein?" wie von selbst. Von den mächtigen Tuttischlägen und den sich durchführend entwickelnden Dreiklängen am berühmten Beginn der Eroica auf der Eröffnungs-CD an ist der Hörer hin- und mitgerissen.

Irrwitzige Tempi bei Sätzen, die Beethoven in der Tat mit echtem brio gespielt haben wollte, haben indes auch andere aufgeboten. Auch andere waren, wie die Deutsche Kammerphilharmonie, in der Lage, dabei hoch diszipliniert und zugleich mit größter Präzision vorzugehen. Auch dass die bis vor kurzem üblicherweise mit möglichst imponierendem Personalaufwand gebotenen Aufführungen solcher bildungsbürgerlichen Konzertmonumente über die Bühne gehen, ist seit Gardiner und Harnoncourt nicht neu; macht allerdings - hat man einmal den verblüffend kleinen Saal des Palais Lobkowitz in Wien gesehen, in dem die Uraufführung der 3. Sinfonie im Frühjahr 1805 stattfand - viel Sinn und Freude.

Neu - und aufregend aktuell auch in der durchaus Beethoven gemäßen Kammermusikfaktur - wirkt die Koinzidenz von extremer Schroffheit in großen Gesten und ideen- und finessenreich gesetzten, feinsten Abstufungen - und herbesten Kontrasten! - in Dynamik und Klang, sowie eine extreme Durchhörbarkeit, der sich die Wahrnehmung struktureller und instrumentaler Einzelheiten verdankt, deren das Ohr trotz zigmaligen Erlebens dieses Repertoires nicht gewahr wurde.

Das Wunder setzt sich fort mit den vier schnellen Sätzen der 8. Sinfonie. Entdeckerfreuden im vermeintlich Bekannten, Schroffheiten, Größe, die sich mittels großer Interpretationskunst bis ins Kleinste, Kleinlauteste, Verzagteste zerbröselt - und wieder auftrumpft und triumphiert. Ganz wie im richtigen Leben.

Beethoven: Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 und Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93 - Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Paavo Järvi; Sony/BMG/RCA Red Zeal 88697 00655 2.


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00:00 17.11.2006

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