Lauschangriff 23/06

Musik-Kolumne Nach dem Auftritt von The Who beim Live8-Konzert 2005 sagte ein britischer Musikjournalist im englischen Fernsehen: "Ich schaue mir die Band nur ...

Nach dem Auftritt von The Who beim Live8-Konzert 2005 sagte ein britischer Musikjournalist im englischen Fernsehen: "Ich schaue mir die Band nur ungern an, weil ich ständig Angst habe, einer von ihnen könnte sich die Hüfte brechen." Ich jedoch finde die Vorstellung, ein Mitglied von The Who könnte sich live auf der Bühne die Knochen brechen, halb so schlimm wie ein schlechtes neues Album. Schließlich darf man nach 24 Jahren Pause vieles, nur kein mittelmäßiges Werk abliefern.

Einiges spricht dafür, dass das neue Album Endless Wire nie entstanden wäre, wenn Pete Townshend nicht wegen des Herunterladens von Kinderpornographie verhaftet worden wäre. Seinem Ansehen als Sprachrohr seiner Generation hat das enormen Schaden zugefügt, trotz aller Bemühungen seines Bandkollegen Roger Daltrey, den guten Ruf seines alten Freundes wieder herzustellen. In dieser Zeit ist ihre Freundschaft inniger geworden als sie es jemals zuvor war - lange Jahre galt ihr Verhältnis als angespannt. Um nun die neue Harmonie zu feiern, schien es wohl sinnvoll, ein Album zusammen zu machen. Ein "echtes" neues Who-Album aber war schlecht möglich, schließlich ist die Hälfte der Band bereits tot: 1978 starb der Drummer Keith Moon, 2002 der Bassist John Entwistle. Live treten sie mit Musikern auf, die man nicht kennt und die man als Who-Fan auch gar nicht kennen will.

Auf der Platte hat Townshend sehr viel selbst eingespielt. Sie ist größtenteils in seinem Heimstudio produziert worden. Die "erste Seite der LP" (wie man das noch zum Zeitpunkt des letzten Who-Albums nannte) klingt tatsächlich nach Privat-Aufnahmen: viele ruhige, akustische Songs. Daltrey bellt und brüllt wie eine seltsame Hunde-Bärenkreuzung. Allerdings war er nie ein subtiler Sänger und am eindringlichsten bei den rigorosen Who-Songs. Überzeugend sind nur die Lieder, die nicht wie The Who klingen. A Man in a Purple Dress zum Beispiel, das eher ein Bob Dylan-Stück sein könnte. (Townshend greift hier die Boulevardpresse an, die über ihn herfiel). Townshend singt selbst den Song In the Ether und hört sich dabei wie Tom Waits an. Sowohl Townshend als auch Daltrey wissen sehr wohl, wie sie früher geklungen haben und parodieren sich jetzt an einigen Stellen selbst. Die Synthesiser-"Arpeggio"-Sequenz bei Fragments ist direkt von ihrem Klassiker Baba O´Riley geliehen. Und der Song Mike Post Theme hört sich an wie die zweitklassige Version ihres alten Hits The Punk the Godfather.

Die "zweite Seite der LP" ist eine Minioper mit dem Titel Wire Glass. Schon bevor Townshend 1969 die erste richtige Rockoper Tommy komponierte, hatten The Who 1966 die Minioper A Quick One gemacht. Einerseits verkörperte The Who genau jenen Geist, der später Punk und Britpop stark prägen sollte: Sie waren die Quintessenz der englischen Arbeiterklassekultur. Andererseits ging Townshend zur Art School, also musste er die Rockoper erfinden, um den Weg für Andrew Lloyd Webber zu ebnen! Es ist einigermaßen schwer, die Handlung von Wire Glass nachzuvollziehen, und macht überhaupt nur Sinn, wenn man Townshends Novelle The Boy who heard music kennt, die lediglich auf seiner Website erschienen ist. Die Geschichte besitzt autobiografische Züge: Es geht um einen alten Rockstar, der von einer besseren Welt träumt. Die Hauptfigur heißt Ray High und spielte schon auf Townshends Soloalbum Psychoderelict die Hauptrolle. Was das Songwriting-Niveau betrifft, übertreffen alle Soloplatten, die Townshend seit der "Trennung" von The Who 1982 gemacht hat, dieses neue Album. Was nützt ein wohldurchdachtes Konzept, wenn die Songs nicht beeindrucken? Das Mandolinspiel auf Unholy Trinity ist hübsch, die Orchesterarrangements auf Trilby´s Piano ebenfalls, aber war das jemals der Sinn von The Who, "hübsch" zu sein? Die Single It´s not enough trifft es genau: Es genügt nicht.

Ich habe diese Band geliebt, deshalb gehe ich so hart mit ihr ins Gericht. In der ersten Zeile von 5.15 auf dem Quadrophenia-Album sang Townshend: "Why should I care?" Damals wusste ich sehr wohl, warum mir diese Band so sehr am Herzen lag. Daran hat sich nichts geändert. Nur ein echter Fan kennt das Gefühl der Enttäuschung. Ich wünschte wirklich, dieses Album wäre mir gleichgültig. "Why should I care?" Was geht mich das an?


00:00 01.12.2006
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