Lauschangriff 24/05

Musik-Kolumne Kanadische Rockmusik ist selten mehr als eine Randerscheinung gewesen. Seit ein paar Jahren verändert sich jedoch das Bild allmählich. Bands wie ...

Kanadische Rockmusik ist selten mehr als eine Randerscheinung gewesen. Seit ein paar Jahren verändert sich jedoch das Bild allmählich. Bands wie Broken Social Scene, The Dears, Destroyer, Arcade Fire haben an Bedeutung gewonnen. Stars aus Montreal sind ebenfalls gerade dabei, sich zu etablieren. Allmählich ist dennoch das richtige Wort: Set yourself on Fire ist schon ihr drittes Album, und endlich ist es hierzulande erhältlich. 2004 wurde es in Kanada und England veröffentlicht. Anfang 2005 erschien die Platte in Amerika und nun im Spätsommer dürfen die Deutschen die reizvolle Popmelancholie dieser Gruppe genießen.

Ihre Einflüsse sind eindeutig britisch. Ähnlichkeiten mit The Delgados, Belle Sebastian, St.Etienne, Lush, Prefab Sprout, Momus, The Smiths, New Order sind zwar offensichtlich, aber vielleicht gerade weil die Liste der Vorbilder so lang ist, wirkt Stars trotzdem frisch und neu. Die englischen Indiebands zeichnet meist die Fähigkeit aus, melancholische Stimmungen mit Leichtigkeit zu vermitteln, so dass man als Hörer nicht allzu traurig wird. Die Musik von Stars funktioniert nach demselben Muster. Atmosphärisch ist von Anfang an alles klar: Der Einstieg zum Album Your ex-Lover is Dead beginnt mit saftigen Streichern, die den Hörer friedlich stimmen. Trotz aufwändiger Arrangements ist das Endresultat eher understated. In dieser Hinsicht ist die Produktion ein absolutes Meisterwerk. Alben wirken durch Streicher oft überladen und kitschig. Nicht so bei Stars. Sie können machen, was sie wollen und es klappt immer: Violine, Cello, Bläser finden ihren natürlichen Platz neben Keyboards und Gitarren.

Eine große Stärke von Stars ist der Gesang. In der letzten Lauschangriff-Kolumne schwärmte ich für die beiden Sänger der Walkabouts Chris Eckman und Carla Torgerson. Wenn eine Band über zwei gute Stimmen, eine männliche und eine weibliche, verfügt, ist sie in der Tat gesegnet. Langeweile kann da beim Hörer kaum aufkommen. In diesem Fall heißt das glückliche Paar Torquil Campbell und Amy Millan, die sich auf großartige Weise abwechseln und ergänzen, als handle es sich bei ihnen um eine Sandkistenliebe. Am Effektivsten ist die Gruppe, wenn sie sich mit dem Thema Liebe beschäftigen. Die Texte sind zwar keine große Poesie, aber ihre Liebeskummer-Erzählungen sind immer überzeugend. Die Personen, die in den Songs dargestellt werden, sind nicht mehr ganz jung, wie zum Beispiel beim Song Reunion, das von einem Paar handelt, das schon zu Schulzeiten zusammen war. Es war die erste große Liebe und sie wollen es auch wieder versuchen, weil sie seither nie wieder so tief berührt waren: "Your face is all that hasn´t changed, reassembled just like me." Das Lied The First five times schildert das Sexleben eines frisch verliebten Paares. So magisch wird es nie wieder sein, ist die Botschaft.

Man lernt nichts Neues durch die Songs von Stars, aber gerade deshalb wirkt das Album so vertraut. Man kennt alles aus dem eigenen Leben. Bei Liebe und Romantik liegen also ihre Stärken; ehrenhaft und weniger gelungen sind ihre politischen Lieder. Sicher haben sich viele Menschen in letzter Zeit politisiert, weil sie die Nachrichten einfach nicht mehr ignorieren können, ich habe jedoch das Gefühl, dass Politik nicht wirklich das Schlachtfeld von Stars ist. He lied about Death handelt vom Krieg in Irak: "What gives you the right to fuck with our lives? I hope your drunken daughters are gay." Den letzten Satz hätten sie sich sparen können, oder? Celebration Guns ist schon vernünftiger: "How will you know your enemy, by their colour or their fear? One by one you cage them in your freedom, make them all disappear." Die Musik von Stars ist eigentlich zu hübsch für Protestmusik. Oder ich bin zu sehr fixiert auf die Idee der E-Gitarren-Power-Akkorde als einzig wirkliche Protestgeste.

Torquil Campbells Vater Douglas ist ein renommierter Shakespeare-Schauspieler in Kanada. Er spricht den Satz: "When there´s nothing left to burn you have to set youself on fire" im Eröffnungsstück Your ex-lover is dead. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass die Zeile wie auch der Albumtitel Set yourself on Fire nach Unterstützung für Selbstmordattentäter klingen könnte. Es ist aber anders gemeint. Wenn alles schief geht, muss man manchmal ganz von vorne anfangen. Damit wären wir wieder beim Thema Liebe. Davon versteht Stars was.


00:00 23.09.2005

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