Lauschangriff 24/05

Klassik-Kolumne Aktuelle Klassik gilt nicht gerade als Publikumsrenner. Bei vielen Kritikern ist sie verzweifelt unbeliebt. Denn in keinem Fachbuch steht, was man ...

Aktuelle Klassik gilt nicht gerade als Publikumsrenner. Bei vielen Kritikern ist sie verzweifelt unbeliebt. Denn in keinem Fachbuch steht, was man von ihr - besonders in ihrer vertracktesten Form, der Uraufführung - zu halten hat. Man muss, sofern vorhanden, dem eigenen Geschmack vertrauen. Aktuelle Klassik hat indessen den unschätzbaren Vorteil, dass man sich mit deren Urhebern, den Komponisten, zum Mittagessen verabreden und den Betreffenden Löcher in den Bauch fragen kann: Wie geht das mit dem Komponieren, wie entsteht Musik heute?

Zuerst einmal lächelt Lera Auerbach auf solche Fragen und nimmt ein Schlückchen Mineralwasser. Sie wird in letzter Zeit öfter interviewt. Denn das 1974 im sowjetischen Tscheljabinsk geborene Multitalent hat großen Erfolg: Als Konzertpianistin wird sie auf die erlauchtesten Bühnen eingeladen, so in die Carnegie Hall in ihrer Wahlheimat New York, wo sie, auch als Composer in Residence, jährlich ihre neuesten Werke vorstellt. Man versichert sich Lera Auerbachs oder wenigstens ihrer Partituren bei den gefragtesten Festivals. Ihre Kompositionen bekommen angesehene Auszeichnungen, zum Beispiel gerade den deutsch-schweizerischen Hindemith-Preis. 1996 wurde die Schriftstellerin Lera Auerbach - sie veröffentlichte bislang fünf Bücher mit Lyrik oder Prosa, zwei Romane sind ungedruckt - von der russischen Puschkin-Gesellschaft zur "Dichterin des Jahres" gekürt.

Musik oder Literatur - manchmal kommt ihr die Idee im Schlaf. "Zum Beispiel den zweiten Satz meines Pianokonzerts habe ich geträumt", sagt die Künstlerin. "Ich wache nachts oder morgens auf und kritzele die Noten auf einen Zettel. Später verstehe ich oft nichts mehr und entschlüssele meine Klaue wie etwas Fremdes. Selten kann ich das Geträumte rekonstruieren. Dann passt mit Glück alles zusammen. Manchmal muss ich auch knobeln und kämpfen. Ich habe ein ganzes Zimmer voller halbfertiger Arbeiten."

Viel fällt ihr auf der Straße ein oder in der U-Bahn. Sie versucht, immer etwas zum Schreiben dabei zu haben. Ist nichts da, komponiert sie auf einer Serviette, einer Fahrkarte, einerlei. Zuhause muss sie die einzelnen Stimmen ausschreiben, manchmal vierzig und mehr Systeme übereinander. "Es gibt diese Geschichte vom Käfer mit den hundert Beinen, den jemand fragt, wie er wissen könne, welches Bein er zuerst bewegen muss", beschreibt sie die Vertracktheit einer vielstimmigen Komposition. "Im Moment, wo er drüber nachdenkt, kann er nicht mehr laufen."

Sie kann. Bei Stücken wie ihrer Serenade für ein melancholisches Meer, einem Auftrag des japanischen Orchestra Ensemble Kanazawa, war die Instrumentation allerdings verzwickt: "Ich wollte etwas machen, das musikalisch der japanischen Malerei nahe kommt. Ich teilte die Streicher soweit auf, dass jedes Instrument seine eigene Stimme hatte, keine zwei Instrumente spielen dasselbe, so wie das Meer, das unendlich viele Schichten hat, die zwar koexistieren, zugleich aber, horizontal und vertikal, ihr ganz eigenes Leben entwickeln. Alles eine Frage der Klangbalance."

Das Geheimnis ihres Erfolgs liegt in der Unbefangenheit, mit der sich Lera Auerbach in der Musikgeschichte auskennt und versorgt, um etwas Eigenes zu machen. Zum Verdruss vieler Moderne-Puristen bedient sie sich dabei - neben Dingen wie Zwölftonreihen, polyrhythmischen oder minimalistischen Momenten - auch mancher überholter und abgetaner Mittel. Günstigstenfalls geht sie als "Polystilistin" durch. Es dürfte dagegen nicht verkehrt sein, ihre Musik ganz undramatisch als - auch für Nichtkenner - zugänglich, an vielen Stellen interessant und sogar bewegend und betörend zu charakterisieren. Den Tribut populistischer Dummheit und Nichtigkeit entrichtet sie nicht.

Lera Auerbach trägt allemal zum Abbau bei jenes verheerenden Vorurteils gegenüber klassischer Musik, dem sie unlängst wieder im Konservatorium in Boston begegnete. Für dessen kleinere Schüler hatte sie einen Klavierzyklus komponiert, den sie persönlich vorstellte. "Als ich am Ende den Saal verlassen wollte", berichtet die Komponistin, "fiel mir ein kleines Mädchen auf, das mich die ganze Zeit anschaute, so als ob sie etwas störte. Ich fragte sie danach. ›Haben Sie diese Stücke komponiert?‹ Ich nickte. ›Das kann nicht sein‹ - ›Warum nicht?‹ - ›Da müssten Sie ja längst tot sein!‹"

Lera Auerbach: 24 Preludes für Violine und Klavier - Vadim Gluzman und Angela Yoffe; BIS/Klassik Center Kassel CD-1242


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00:00 07.10.2005

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