Lauschangriff 25/05

Kolumne Die avantgardistischen Töne des Post-Rocks sind anstrengend. Ein Musikwissenschaftsstudium ist zwar nicht Voraussetzung um Fan dieses Genres zu sein, ...

Die avantgardistischen Töne des Post-Rocks sind anstrengend. Ein Musikwissenschaftsstudium ist zwar nicht Voraussetzung um Fan dieses Genres zu sein, könnte aber helfen. Es gibt jedoch eine Alternative für die nicht ganz so schlauen Musikfans: "Post-Pop". Zwar kann ich nicht beschwören, den Begriff noch nie gelesen zu haben, bin aber der festen Überzeugung, dass es sich um meine eigene Erfindung handelt. Was ist schon wirklich originell in dieser Branche? Der Glaube, originell zu sein, ist da schon die halbe Miete.

Während in Großbritannien tagtäglich neue Indierockbands hervorsprießen, die fast alle wie eine Mischung aus den englischen achtziger Jahre Gitarrengruppen XTC und Gang of Four klingen, ist die kanadische Musikszene deutlich anders. Nicht nur, dass sich Kanada weit weg von uns befindet, die neuen Bands dort klingen, als kämen sie noch von viel weiter her, wie von einem anderen Planeten: God Speed you Black Emperor, Stars, Black Mountain, Feist, The Dears, Arcade Fire. Da lässt sich eine eindeutige Tendenz ausmachen: kanadische Musik ist verhältnismäßig originell.

Das neue, dritte Album von Broken Social Scene ist ein weiterer Beweis dafür. Die Band stellt eigentlich ein Kollektiv dar. Die beiden führenden Köpfe sind Brendan Caning und Kevin Drew, aber schon beim letzten Album You forgot it in people gab es 12 Broken Social Scene Mitglieder. Diesmal sind es 16, und dazu kommen noch vier Gäste. Die "Post-Popmusik" der Band klingt folgendermaßen: Krachige Experimente verschmelzen mit hübschen Melodien. Das neue selbstbetitelte Album ist ein Triumph des Experimentellen, der nicht auf Popmusik verzichtet. Da gibt es aufdringlich-laute Gitarren und Schlagzeug-Arrangements, die den Hörer überwältigen, aber dennoch summt man euphorisch den Refrain mit, wie beim Lied Superconnected. Broken Social Scene standen diesmal unter großem Druck, ein gutes Album zu machen, weil die letzte, ihre zweite Platte, als Meilenstein in der kanadischen Musik galt. Der selbe Produzent, David Newfield ist noch einmal tätig gewesen; er spielt gleichzeitig als Musiker in der Band. Es wurde eine sehr feinsinnige Produktion. Angeblich war Newfield durch die Aussage eines Arztes angespornt, der ihn warnte, er habe nur noch zehn Jahre zu leben, wenn er seinen Lebenswandel nicht ändere. Er hat die Songs so gemixt, das ein schönes, aufgewühltes Chaos-Feeling entsteht. "Perfektes Chaos". Das Album klingt tatsächlich, als ob Newfields Leben davon abhinge, als ob es vielleicht seine letzte große Tat sein könnte.

Die Texte von Broken Social Scene sind größtenteils nicht zu verstehen, aber das trägt zum außerirdischen Effekt bei. Der Gesang liegt wie eine blassblaue Schicht oben drauf. Es gibt Ausnahmen, aber die Songs wirken eher wie fehl am Platz. Auf dem letzten zehnminutigen Stück Its all gonna break lautet der Text: "When I was a kid, they fucked me in the arse, but I took my pen to paper and passed you". Ok, es kann schon sein, dass Brendan Caning und Kevin Drew eine schwierige Schulzeit hatten, und es ist verständlich, dass sie ihren frühen Kränkungen nun durch Broken Social Scene Genugtuung verschaffen, vor allem weil sie es zu Ansehen gebracht haben, erstmal in der Toronto Szene und mittlerweile weit über die kanadische Grenze hinaus, aber dennoch wirken solch deutliche Zeilen wie ein großer Stilbruch. Es gibt zwar eine Singleauskopplung 7/4 Shorelines, aber der Gedanke, das Lied könne als radiotaugliche Single eingesetzt werden, ist völlig absurd. Bei 14 Stücken wundert es wenig, dass es Qualitätsunterschiede gibt. Ein paar Titel wirken wie Lückenfüller, aber demgegenüber stehen so viele Höhepunkte, dass beim Hörer zwar kurz Langeweile aufkommen kann, aber eben nur kurz. Es kommt eben nicht oft vor, das ein Rockalbum mit experimentellen Anspruch gleichzeitig leicht konsumierbar ist. Seltsam ist es auch, dass Broken Social Scene keine richtige Band im engen Sinne sind, sondern ein Kollektiv von Musikern, die ansonsten bei anderen renommierten Gruppen spielen. Solche "Projekte" erscheinen oft als eitle Spielereien. Wenn das Resultat so spannend ist, habe ich jedoch nichts gegen Eitelkeit.

Broken Social Scene auf Tour in Deutschland: 3.12. München-Feuerwerk, 5.12. Berlin-Postbahnhof, 10.12. Hamburg-Knust, 11.12. Frankfurt-Mousonturm, 13.12 Köln-Primeclub


00:00 14.10.2005
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