Lauschangriff 26/05

Klassik-Kolumne Kaum ein Komponist - außer natürlich Richard Wagner - erregt bei Menschen, die nicht so viel davon verstehen, soviel Unwillen und ist demzufolge so ...

Kaum ein Komponist - außer natürlich Richard Wagner - erregt bei Menschen, die nicht so viel davon verstehen, soviel Unwillen und ist demzufolge so unbeliebt wie Anton Bruckner. Dessen Musik, da ist sich jeder Bruckner-Geneigte sicher, darf keinesfalls auf Kopfhörer, sie sollte unbedingt über Lautsprecher gehört werden. Die Luft muss mitschwingen im großen Zug der sinfonischen Riesenbauten, die der seltsame Zwerg aus Niederösterreich der Nachwelt hinterlassen hat. Möglichst laut soll es auch noch sein. Bruckner hat schließlich nicht ungeheure Massierungen von Streichern, Bläsern und Schlagwerkern auf die Bühne beordert, damit am Ende ein erbärmlich zurückhaltendes, dynamisch blässliches Stückchen Kammersymphonik durch den Äther mickert.

"Machst du bitte die Musik leiser", ist denn auch das Mindeste, was der bei den ersten Takten im Sessel verschwindende Bruckner-Fan zu gewärtigen hat von der geballten Ignoranz ansonsten durchaus friedlicher und musikverständiger Hausgenossinnen. "Ist mir zu dramatisch", die nachgeschobene Begründung.

Zu dramatisch (!, d.V.) ist Bruckners Musik aber weder in der hier vermutlich gemeinten Umgangsprache, nämlich hektisch, zugespitzt emotional. Noch und erst recht nicht ist sie es im - korrekten - Sinn einer theaterhaften, von der Dynamik ergiebiger Konflikte motorisierten Handlung.

Bruckners Musik hat von dieser Sorte Drama nichts, die realistische Psychologie der Menschengestaltung mozartischer Opern- und Instrumentalmusik geht ihr ab. Sie hat gleichwohl Gegensätze und Widersprüche, wie sollte sie sich anders von der Stelle bewegen? Ihre Bewegung, so die Exegeten, tritt freilich oft auf der Stelle, absichtsvoll, sie kreist und kreiselt und entwickelt so, wenn schon nicht Drama, dann Dramaturgie und wenn doch Drama, dann mehr eines der Form. Die gibt es in diesen Symphonien in mindestens zwei Schichten. Die eine sorgt für den äußeren Eindruck: Assoziationen von prächtig erhabenen Naturpanoramen mit herzenserweiternder, die Lunge belebender Wirkung; Hymnisches, durchsichtig melancholische Melodiebögen, die sich vielleicht kontrapunktisch aufgefächert verlieren; Choralartiges, Steigerungen, Verdichtungen, Auflösungen und Generalpausen, in denen die Musik durchatmet und Wandlung tankt. Die andere Schicht: Eine strenge, bis zur Zwanghaftigkeit ausmathematisierte Form. In ihr steckt das Moderne, das Neue an Bruckner, das - zum Beispiel - von der ganzen Nazitümelei in dumpfer Brucknerverehrung glatt überhört und weggebügelt wurde vor lauter Begeisterung für Blechgetöse und Klanggewitter.

Ausgehend von kleinsten Motivbausteinen, entwickelt Bruckner in seinen Sinfonien grandiose Geflechte, Schichtungen und Reihen immer neuer Varianten der Ausgangsmotive. Wer einmal auf die kompliziert fetzigen Metamorphosen beispielsweise seiner Zweier- und Dreier-Rhythmusketten achtet, vergisst garantiert die Größe und Lautstärke des Apparats, der das alles hervorbringt und hat - wie bei einem Streichquartett - nur noch die Form im Sinn und in den Sinnen.

Der amerikanische Dirigent Kent Nagano bringt die besten Voraussetzungen mit für solch eine Musik. In Europa wurde der Messiaen-Schüler mit Maßstab setzenden Messiaen-Interpretationen bekannt. Sein dergestalt sensibilisiertes Gespür für Farben und Klänge paarte sich von Anbeginn mit fruchtbarer Neugier und einem dynamischen Sinn für neue Musik. In einer klugen Karriereplanung - er war Operndirektor in Lyon, leitete das Hallé Orchester in Manchester, zuletzt das Deutsche Symphonie Orchester Berlin und wird demnächst Generalmusikdirektor an der bayrischen Staatsoper in München - sorgte er für gleichmäßigen Einsatz seiner Begabungen in Musikdrama und Orchestermusik. Sein Sinn für die Vertracktheiten mitteleuropäischer Musik ist hart erarbeitet. Nach Mahler widmet er sich jetzt Bruckner. Und wird dessen eherner Form so gerecht, wie er die formvollendeten Süßigkeiten, die himmlischen Höhen dieser Musik - in der Sechsten entzücken sie den Hörer vor allem im zentralen Adagio - meistert. Wenn er sich nur abgewöhnen könnte, an Stellen mitzusummen und mitzumurmeln, die das nicht gut vertragen!

Bruckner: Sinfonie Nr. 6 A-Dur - Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Kent Nagano; Hermonia Mundi France HMC 901901

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00:00 28.10.2005

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