Lauschangriff 28/05

Klassik-Kolumne Bach und die Komponisten des noch nicht kommerziellen Musikbetriebs bis hin zum jungen Mozart kannten keine "klassische Musik". Was sie komponierten, ...

Bach und die Komponisten des noch nicht kommerziellen Musikbetriebs bis hin zum jungen Mozart kannten keine "klassische Musik". Was sie komponierten, war für den Tag gedacht, an dem es uraufgeführt wurde. Für neue Anlässe musste neue Musik her. Wenn einer wie Mozart Glück hatte, blieb seine Oper nach der Uraufführung für kurze Zeit auf dem Spielplan. Sie wurde, wenn sie Anklang fand, andernorts übernommen, ohne dass der Urheber dafür einen Pfennig Zusatzhonorar bekam. Der alte Bach, der sich der am flottesten ausbeutbaren Musikgattung Oper nie gewidmet hat, spielte zum Beispiel seine Brandenburgischen Konzerte ein einziges Mal dem markgräflichen Widmungsträger vor. Danach verschwanden die Stimmen, ohne je wieder benutzt zu werden, in den Archivschränken des Brandenburger Hofes.

Die Methode, mit der die Tonsetzer auf eigene Faust für die geschäftlich einzig sinnvolle Mehrfachverwertung ihrer Musik sorgten, war die Parodie, laut Lexikon die Umgestaltung eines musikalischen Textes zum Zweck der Neuverwendung in anderem Zusammenhang. Material aus dem 1. Brandenburgischen Konzert hat der alte Bach dergestalt gleich zweimal in der Partitur der Huldigungskantate für den Gelehrten Gottlieb Kortte untergebracht. Ihr Titel beschreibt die Dialektik des Kontrapunkts lustig mit Vereinigte Zwietracht der wechselnden Saiten. Der dritte Satz des Konzerts dient der Kantate als Eröffnungschor, das kraftvoll kecke und wahrlich aufhebenswerte zweite Bläsertrio von BWV 1046 wurde zum Ritornello des schönen Duetts Den soll mein Lorbeer schützend decken.

Bei Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten, der Huldigungskantate für die sächsische Kurfürstin Maria Josepha, dürfte einem auch nur mäßig repertoireerfahrenen Hörer bereits der Beginn bekannt vorkommen: Die Musik - nicht der Text - ist identisch mit dem Beginn des Bachschen Weihnachtsoratorium. Drei weitere Nummern (8, 15 und 24) dieser freilich höchst munteren Säkularkomposition hat Bach eingebaut in das Haus- und Herzstück feiertagskonjunkturbeflügelter Religionsausübung. Bachs dem Vernehmen nach tiefe Religiosität im Kopf, mag man sich dazu das Passende denken - der Leipziger Thomaskantor hat jedenfalls stets nur in eine Richtung parodiert: Vom Profanen ins Geistliche.

Mozart war da lockerer. Problemlos baute er Filetstücke von um viele Jahre zurückliegenden Kirchenkompositionen in neue Profanwerke ein. Die Krönungsmesse K. 317 hat er opernhalber gleich zweimal geplündert: Erstens das Kyrie, wie mir ein alter Musikfreund aus A. in der Oberpfalz kürzlich mitteilte, für die Hauptmelodie des herzerweiternden Come Scoglio der - fast! - bis in den Soldatentod treuen Fiordiligi aus Cosi fan tutte (Beethoven hat bekanntlich aus ihrer zweiten Cosi-Arie Per pieta die Idee geklaut für die Hornbegleitung seiner großen Leonoren-Arie im Fidelio). Und zweitens das Agnus Dei für Dove sono i biei momenti, die atembeklemmend traurige und zugleich elysisch schöne Klage der Gräfin im dritten Akt des Figaro. Schon als anfangs des zweiten Akts derselben Oper dieselbe Gräfin in Porgi amor einen vor Reife und Fülle dunkel funkelnden Kummer darüber verströmt, dass ihr der Liebste abhanden gekommen ist, legte Mozart ihr dafür Töne in den Mund, die er in seiner Jugend fürs Agnus dei der Missa Solemnis K. 337 gefunden hatte. Die Anbetung des Gotteslamms verwandelt sich in die melancholische, die bunte und pralle Blüte junger Liebe sozusagen ex negativo herauf rufende und vor den Hörer hinmalende Klage einer hintergangenen Frau; aus Religion wird das pulsierende Substrat einer Herzenskirche.

Eine ureigene Entdeckung des Autors dieser Zeilen ist die Herkunft der Melodie, die Wagners Titelheld Lohengrin seiner Angebeteten ans Herz legt zu den Worten "Nie sollst du mich befragen". Wer in den Beginn der Durchführung des ersten Satzes von Mozarts Hornkonzert K. 495 hinein hört, wird ihr dort mit Erstaunen wieder begegnen. Nicht schlimm. Aber lustig zu bemerken.

Bach: Weihnachtsoratorium - Röschmann, Scholl ua., Akademie für alte Musik, Jacobs; Harmonia Mundi France 901630.31. Bach: Weltliche Kantaten BWV 207 214 - Sampson, Danz, Padmore, Kooy - Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe; Harmonia Mundi France 901860. Mozart: Le Nozze di Figaro - Gens, Kirchschläger u.a. - Concerto Köln, Jacobs; Harmonia Mundi France HMC 90181820. Mozart: Hornkonzert K. 495 - Hermann Baumann, Concentus Musicus Wien, Harnoncourt Teldec/Warner 0630-17429-2


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00:00 25.11.2005

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