Lauschangriff 28/08

Musik Ich bin immer misstrauisch, wenn der Produzent einer Band so bekannt ist wie die Gruppe selbst. Was Bloc Party betrifft, hatte ich in diesem Punkt ...

Ich bin immer misstrauisch, wenn der Produzent einer Band so bekannt ist wie die Gruppe selbst. Was Bloc Party betrifft, hatte ich in diesem Punkt genügend Anlass zum Zweifel. Ihr hochgelobtes Debütalbum 2005 Silent Alarm wurde vom renommierten britischen Produzenten Paul Epworth bearbeitet, der Künstler wie Babyshambles, The Futureheads und Kate Nash unter die Arme griff. Das zweite Album Weekend in the City produzierte Jacknife Lee, der Dienste bei Snow Patrol, U2, Editors und R.E.M. geleistet hat. Fetter geht es nicht.

Nun schießen Bloc Party den Vogel ab. Sie haben Epworth und Lee für das neue dritte Album Intimacy angeheuert. Das wirkt gierig, als ob sie den Erfolg kaufen und garantieren wollten. Es ist daher eine Ironie, dass das Album Intimacy heißt, weil durch die Unterstützung von Starproduzenten gerade die Gefahr besteht, den eigenen Charakter einzubüßen, um möglichst massenkompatibel zu werden.

Wollen wir aber nicht übertreiben: Bloc Party haben schon ihren eigenen, unverkennbaren Sound. Der Gesang von Kele Okereke war in dieser Hinsicht immer ein Bonus. Einen schwarzen Engländer mit "schwarzen" Stimmbändern bei einer englischen Indieband gibt es nicht alle Tage. Es ist durchaus möglich, dass er so klingt wie Bono klingen würde, wäre Bono ein Schwarzer. Beide sind sehr aufrichtig im Gesangsstil, an der Grenze zum Überschwänglichen. Beide singen wie große Kinder mit den besten Intentionen. Bevor das neue Album veröffentlicht wurde, gab es Interviews, in denen Bloc Party erzählten, dass sie Rockmusik eigentlich nicht mehr mögen, und dass elektronische Musik der Weg nach vorn sei. Da hatten viele Fans Angst, dass die neuen Klänge befremdlich sein könnten, aber es wird bekanntlich nichts so heiß gegessen, wie gekocht wird. Bloc Party war ohnehin nie eine "normale Rockband", sondern von Anfang an eine Dance-Punk-Gruppe. Der Song Halo ist das einzig "normale" Rocklied auf der Platte.

Die Songs sind insgesamt halb so radikal, wie ich erwartet habe. Die erste Single-Auskopplung Mercury ist fast das extremste Stück und besonders wenig radiotauglich. Der Sound scheint zäh und das Tempo rasend, die Dancebeats wirken zerhackt. Das Eröffnungsstück Ares schlägt einen kampflustigen Ton an. Die erste Zeile lautet "War, War, War" und handelt vom Bandenkrieg in der englischen Hauptstadt. Im Lauf der Platte werden die Stücke allmählich wieder konventioneller, als ob sich die Band in Sachen Experimentierfreude Grenzen gesetzt hätte. Weil ich weiß, dass das Album schneller entstanden ist, als ursprünglich geplant (es war anfangs für 2009 vorgesehen), bilde ich mir beim Hören ein, dass das Werk in der Tat leicht überstürzt wirkt.

Intimacy wurde vor drei Monaten schon als Download für fünf englische Pfund angeboten, um illegales Herunterladen zu verhindern. Erst jetzt ist das Album im Laden erhältlich. Internetpiraterie hat die Umsätze der letzten Platte - Weekend in the City - angeblich stark beeinträchtigt. Musikalisch waren die Songs gesetzter, vorsichtiger und liebevoller strukturiert. Und sie waren politischer. Aus gut nachvollziehbarem Grund: Eine blutjunge, aufgeweckte Band aus London, die gerade neue Songs komponiert, als im Juli 2005 die Bomben in der U-Bahn hochgehen, muss darauf irgendwie reagieren.

Darüber hinaus ist Okerekes romantische Beziehung zwischen der letzten und der neuen Platte in die Brüche gegangen; viele Songs handeln vom Abschied von dem Leben, das man kannte. In dem Stück Trojan Horse singt er: "You used to take your Watch off before we made Love, you didn´t want to share our Time." Er hat sich noch nicht erholt. Das Lied Signs: "I could sleep forever these Days cause in my Dreams I see you again." Okereke hat momentan zwei Probleme: Liebeskummer und eine musikalische Identitätskrise. Er weiß nicht, ob Bloc Party wie U2 oder The Chemical Brothers klingen sollen.

Bloc Party auf Tour im nächsten Jahr: 9.2. München (Tonhalle), 14.2. Berlin (Columbiahalle), 16.2. Dresden (Schlachthof), 17.2. Köln (Palladium), 21.2. Hamburg (Docks)

00:00 04.12.2008

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