Lauschangriff

Musik Miles Davis ließ wenig gute Haare an Teo Macero. Obwohl er mit dem Produzenten - der in der Band von Charles Mingus Tenorsaxofon gespielt und wie er ...

Miles Davis ließ wenig gute Haare an Teo Macero. Obwohl er mit dem Produzenten - der in der Band von Charles Mingus Tenorsaxofon gespielt und wie er selbst an der renommierten Juilliard School in New York studiert hatte, bevor er bei der großen Plattenfirma Columbia gelandet war - ein Vierteljahrhundert lang zusammen arbeitete und Erfolgsalben wie Porgy and Bess, Sketches Of Spain, In A Silent Way, Bitches Brew, On The Corner, später The Man With The Horn auf das gemeinsame Konto zu buchen sind, erwähnt Davis ihn in seiner Autobiographie allenfalls am Rande: "Mein Produzent". Das Possessivpronomen klärt die Verhältnisse. Davis schildert den Mann am Regler als einen reinen Befehlempfänger: eine blaue Ameise der Plattenfirma, die nur alles aufnehmen soll und das möglichst gut. Das tat Macero.

Doch die veröffentlichten Aufnahmen schlagen einen anderen Ton an. Gerade die aufwendig gestalteten Box-Sets, in denen Columbia-Nachfolger Sony derzeit alle verfügbaren Aufnahmen von Miles Davis der Öffentlichkeit zugänglich macht - und zwar die tatsächlichen Studio-Sessions im direkten Kontrast zu den seinerzeit tatsächlich veröffentlichten Stücken, die ihren Platz in der Jazz-Geschichte längst gefunden haben -, unterstreichen den entscheidenden Anteil der Produzenten an der Musik. An der langen Leine des Trompeters hatte Macero eine Produktionsweise entwickelt, die heute mit Hilfe der Computertechnik weite Teile der Musikproduktion dominiert.

Die Entwicklung der Produktivkräfte jedoch hinkte zu jener Zeit noch einige Schritte hinterher. Mit der Schere (oder eher: der Rasierklinge) in der Hand demonstrierte Teo Macero, dass das Studio weitaus mehr sein kann als eine Aufzeichnungsanstalt für musikalische Momente. Macero hörte sich die gesamten Aufnahmen noch einmal an, denn anders als üblich suchte er nicht nur nach der optimalen Anzahl von Aufnahmen, sondern nach intensiven Momenten. Die konnten sich irgendwann im Verlauf der tagelangen Aufnahmearbeiten ergeben - ob beim ersten Versuch, eine neue Komposition einzuspielen oder beim gedankenlosen Herumdüdeln während des Wartens auf den letzten Mitspieler. Der Produzent sichtete das vorhandene Material, bearbeitete die einzelnen Sounds mit allen technischen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, und wenn er Klangideen hatte, für die es noch keinen geeigneten Effekt gab, dann ließ er sich ein entsprechendes Gerät erfinden. Dazu schnitt er und klebte, eliminierte Spielfehler, straffte überflüssige Passagen oder tilgte sie ganz. Er zerlegte die aufgezeichneten Bänder mit sauberen Schnitten in ihre einzelnen Spuren, kopierte Passagen, verlängerte Formteile und kombinierte sie mit Stellen, mit denen sie spielerisch in keinem Zusammenhang standen. Cut and Paste: So entstanden neue Dramaturgien, musikalische Einheiten, wie sie zuvor noch keiner gehört oder gespielt hatte. Davis musste nur noch nicken. Oder den Kopf schütteln.

Statt sich in die konventionelle Rolle des Produzenten als Dienstleister mit Überwachungsfunktion zu fügen, der zwischen Musiker und der betriebswirtschaftlichen Sparte der Plattenfirmen zu vermitteln hat, agierte Macero als ein Musiker mit wesentlichem Anteil am Produktionsprozess: ein Arrangeur und Soundbastler, der das Studio als sein persönliches Instrument nutzt und seine eigenen Klangvorstellungen entwickelt. Nur mit der handwerklichen Sorgfalt und spielerischen Ungezwungenheit, mit der Macero die Beschränkungen der Technik hinweg schnippelte, konnte Davis in seiner Abkehr vom akustischen Klangbild und den Sicherheiten des konventionellen Jazz die vielfältigen neuen Möglichkeiten finden, die ihn immer weiter trieben auf seinem Weg.

Mit Teo Macero starb im Februar eine weitere der großen Figuren der Jazzmoderne. Macero wurde 82 Jahre alt. Er hätte anerkennendere Worte verdient gehabt.

Miles Davis The Complete In A Silent Way Sessions; The Complete Bitches Brew Sessions; The Complete Jack Johnson Sessions; The Complete on the Corner Sessions, alle Sony BMG

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare