Lauschangriff 3/09

Musik Der eine gehört zum aktuellen Männerwunder des deutschen Jazz. Er ist 27 Jahre, kommt aus dem grünen Allgäu, und spielt Trompete. Er spielt sie mit ...

Der eine gehört zum aktuellen Männerwunder des deutschen Jazz. Er ist 27 Jahre, kommt aus dem grünen Allgäu, und spielt Trompete. Er spielt sie mit Kraft und Nachdruck, schmetternd und spitz, gelegentlich auch ruppig und dissonant, und er verzichtet auf das sanfte Dämpfersäuseln im Geiste Chet Bakers und der Modefotografie, mit dem man zum Darling der Frauenzeitschriften wird. Ein smarter Knabe will Matthias Schriefl nicht sein. Lieber gibt er den bösen Buben aus Bayern, eine modernisierte Mischung aus Allgäuer Almrowdy und Karl Valentin der Reihenhaussiedlung.

Der andere mischte 20 Jahre früher von England her die Szene auf. Als Tausendsassa, Diskursmischer und Querschläger in allen musikalischen Kategorien riss Django Bates die Fenster weit auf im bisweilen etwas stickigen Haus des Jazz. Keiner war frecher in der Wahl seiner Mittel, keiner abenteuerlicher in den Brüchen, Schnitten, Sprüngen, die er als Bandleader, Arrangeur und Komponist in seine Musik montierte und als einfallsreicher, auf Idee gebürsteter Pianist, Keyboarder und Tenorhornspieler bis in die kleinsten improvisatorischen Details mit dem richtigen Klang versah. Bates rückte eine ganze Generation von jungen britischen Jazzmusikern ins Rampenlicht, die nicht nur die Tradition des Jazz aufgenommen und durchgearbeitet hatten, sondern sich auch von anderen Musiken berühren ließen, von Pop und Rock sowieso, von Klassik und Neuer Musik und auch von den verschiedenen musikalischen Kulturen, die in anderen Teilen der Welt entstanden waren. Bahnbrechend war das - und für Traditionalisten eine Überforderung.

Als Django Bates kürzlich als Gast mit Matthias Schriefls Band Shreefpunk das Jazzfestival in Münster eröffnete, wurde deutlich, dass sich die Zeiten geändert haben, dass die Zusammenarbeit zweier verheißungsvoller Musiker mit vordergründig ähnlichen Arbeitsweisen noch lange nichts verheißt. So pfiffig Schriefls Musik konstruiert sein mag, so ideenreich und humorvoll Bates zu improvisieren weiß - die Grenzen überschreitende Geste blieb Geste, Funken zwischen den beiden wollten nicht fliegen. Schriefls Band spielte, mit mächtigem Groove oder nachdenklich, zerrissen und fragmentiert, manchmal innig in sich gekehrt und manchmal garstig oder hier und dort ziemlich zickig - doch der Verdacht, dass dabei vieles Effekt war, die Sprünge und Brüche mehr gewollt als zwangsläufig, wollte sich nicht übertönen lassen. Alles blieb schön getrennt, Shreefpunk hier, Django Bates dort, und als weitere Zutat noch die vier Streicher, die den zerklüfteten Shreefpunk-Sound mit etwas flach geratenen Klangflächen kontrastieren. Lauter erstklassige, hocharomatische Zutaten, doch offenbar zu viele und zu lange gekocht.

Matthias Schriefl kann das deutlich besser. Im Trio Pretty Jazz Boys, einer locker zusammen gebundenen Formation, die im vergangenen Jahr einige Konzerte gab, finden die verschiedenen Ebenen ganz selbstverständlich zusammen: Sein virtuoses Spiel, das lässig von der Dur-Seligkeit der Allgäuer Kindheit bis zur bilderstürmerischen Atonalität, vom Tschingderassa der Polka bis zum Tschingalingaling des modernen Jazz reicht. Die Lust am Groove und an körperlich nachvollziehbaren Formen des Musizierens, die keineswegs auf Kosten der klanglichen und improvisatorischen Freiheiten gehen muss. Der Spaß am gemeinsamen Spiel, am Hin- und Herwerfen von Ideen, am Mit-, Gegen-, Umeinander von Linien, Klängen, Akzenten. Eine Vision von Musik, die dem Spiel folgt und sich erst darin realisiert. Wenn Schriefl diese Form von Freiheit mit Shreefpunk wieder findet, könnte ein neues Zusammentreffen mit Django Bates spannend werden.

Matthias Schriefl Shreefpunk Plus Strings. ACT / Edel. Django Bates Human Chain, Josefine Lindstrand and The Smith Quartet Spring Is Here (Shall We Dance) Lost Marble. Django Bates Human Chain Delightful Precipice Summer Fruits (And Unrest) Winter Winter / Edel. Dies. Winter Truce (And Homes Blaze) Winter Winter / Edel. Django Bates Autumn Fires (And Green Shoots) [piano solo] Winter Winter / Edel

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00:00 23.01.2009

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