Lauschangriff 31/04

Klassik-Kolumne Es ist allgegenwärtig und übermächtig. Es scheint unentrinnbar. Aber alle wissen, dass es längst gestorben ist. Was die meisten dennoch treibt, immer ...

Es ist allgegenwärtig und übermächtig. Es scheint unentrinnbar. Aber alle wissen, dass es längst gestorben ist. Was die meisten dennoch treibt, immer weiter mitzumachen, ist das Gewese des gigantisch aufgedonnerten Gespenstes dessen, was es einmal war. Gespenstisch real drängt es sich über alle Kanäle und in allen Straßen auf. Gespenstisch unberührt hat es triumphiert über alle ätzenden Analysen und vernichtende Kritik.

Es hat uralt rote Vinylbäckchen, weißen Kunstbart, Bierbauch und Schnapsatem. Es hat weltweite Lichterketten und Lichtersterne und Lichtertannenbäume hinter kunstschneebestäubten Fenstern. Vor allem hat es Musik. Noch am Hafenrand in einem dieser trostlosen Fischrestaurants, in denen die festlichen Schollen, Stinte und Barsche aus der Friteuse kommen, ruft aus unabstellbaren Fernen, eine einsame Trompete die Kinderlein, dass sie doch kommen sollen, nach Möglichkeit alle.

Man kann nicht glauben, dass dieser geizgeile Dreck, dieses klebrig aufdringliche und zum Himmel glitzernde Nichts auf etwas zurück geht, das einmal echt war. Dass Weihnachten einen Ursprung hatte und Gefühle hervorrief, die "heimelig", "unschuldig" oder "wunderlich" zu nennen niemand zögern sollte.

Wie weit weg das allerdings ist, kann man der Musik anhören, die in jener fernen Zeit entstand. Was heute als "Weihnachtslied" aus allen Rohren quillt, ist ja nur der x-te Aufguss von etwas, das seinerseits - wenn nicht die billige Coverversion eines Oratorienhits oder der Verschnitt eines händelschen Halleluja - nur mehr der genrehafte und meist schon recht kitschnahe Reflex der Romantik auf eine von innen her religiöse Behandlung des Themas war.

Ernst und ungebrochen vom Inhalt her hat sich große Kunst, wenn ich mich nicht irre, mit Weihnachten befasst nur von etwa der Gotik bis zum Ende des Barock. In der Musik präzis bis Johann Sebastian Bach, dessen Weihnachtsoratorium gleichzeitig Höhepunkt und Abschluss aller großen Weihnachtskunst war. Alle Späteren, von Haydn bis heute, haben sich zwar - in wachsender Säkularisierung - religiöser Themen und Genres angenommen. Nicht aber mehr ernsthaft des Themas Christgeburt.

Wie es in der Musik angefangen hat mit Weihnachten, liegt im Ungefähren. Von der Gotik weiß man musikalisch so gut wie nichts. In Deutschland geht es los mit Meistern wie Heinrich Schütz (1585-1672), dessen Historia der Freuden- und Gnadenreichen Geburth Gottes und Marien Sohnes Jesu Christi wie ein Großteil der wichtigen deutschen Renaissance- und Barockmusik in Thüringen und Sachsen entstand. Schütz´ Nachfolger auf der Bekanntheitsskala war bislang Dietrich Buxtehude (1637-1707), schleswig-holsteinische Ausnahme inmitten mitteldeutscher Dominanz. Dazwischen muss man sich ab jetzt Johann Rosenmüller (1619-1684) denken, eine vogtländische Frühbegabung, der um 1650 als hoffnungsvoller Aspirant auf den Posten des Leipziger Thomaskantors mit seiner Weihnachtshistorie eine Kostbarkeit und Eleganz, eine Fortgeschrittenheit und einen Wohlklang in das vom Dreißigjährigen Krieg ausgebrannte Deutschland brachte, die damals nur aus Italien stammen konnten. Rosenmüller war im Winter 1645/46 über die Alpen nach Venedig gezogen und hatte dort die avantgardistische Seconda Prattica der späten monteverdischen Madrigalbücher in sich aufgenommen.

Rosenmüllers Musik mag in bach- und händelverwöhnten Ohren eher karg und streng klingen. Hervorgerufen durch die Farben alter Blechblasinstrumente und durch sprödreiche Vokalstimmen erschließen sich nach längerem Zuhören allerdings viel harmonischer Reiz, sanglich-klangliche Fülle und eine speziell deutsche Legierung aus ernster Strenge und Schönheit. Eine Musik ohne dick verschneite Tannen und ewige Weihnachtsabendbläue. Eher silbrig fein wie der Firn auf der Krume der Felder, die man am ICE-Fenster vorbeifliegen sieht in diesen Tagen. Still wie der Rauch vom Dach, draußen, auf frostig einsamen Spaziergängen. Und kraftvoll wie eine Sprache, über deren Weihnachtskonzerten steht: "Entsetze dich, Natur".

Händel: Messias - Schlick, Piau, Scholl, Padmore, Berg, Les Arts Florissants, William Christie; HMC 901498.99; Bach: Weihnachtsoratorium - Röschmann, Scholl, Güra, Häger, Akademie für Alte Musik Berlin, Jacobs; HMC 901630.31; Schütz: Weihnachts-Historie - Kiehr, Scholl, Schröder, Collegium Vocale, Jacobs; HMC 901310; Rosenmüller: Weihnachtshistorie - Cantus Köln, Concerto Palatino, Konrad Junghänel; HMC 901861


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00:00 24.12.2004

Ausgabe 39/2020

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