Lauschangriff 4/03

Kolumne Zeit seines Lebens hat er großen Wert darauf gelegt, neben Alban Berg und Anton von Webern einer der drei Lieblingsschüler Schönbergs gewesen zu ...

Zeit seines Lebens hat er großen Wert darauf gelegt, neben Alban Berg und Anton von Webern einer der drei Lieblingsschüler Schönbergs gewesen zu sein. Und bis zuletzt hat Hanns Eisler darunter gelitten. Denn er war nicht nur Komponist, sondern auch Kommunist. Einerseits nahm ihm die - weitgehend bürgerliche - Welt der Musik seine Weltanschauung übel; andererseits verargte ihm die - weitgehend schematisierte - Welt des Parteikommunismus, trotz einer gewissen repräsentativen Referenz, sein an der ästhetischen Avantgarde orientiertes Komponieren. Dass sie Eislers große plebejische Oper Doktor Faustus verhindert hat, von der das Fragment eines viel versprechenden Eisler-Librettos vorliegt, gehört nicht zu den kleinsten Verbrechen geballter Politbüro-Borniertheit. Und der inzwischen nur noch bürgerliche Musikbetrieb boykottiert oder ignoriert Eisler nach wie vor hinhaltend, nur weil die Bourgoisie ihm große Würfe wie das Solidaritätslied oder die DDR-Hymne nicht verzeihen willymne nicht verzeihen kann.

Hüben wie drüben gibt es allerdings Eisler-Begeisterte. Brecht war der erste und größte. Heute gehört der Frankfurter Komponist Heiner Goebbels dazu. Aktuellstes Zeugnis seiner Neigung ist die CD Eislermaterial, auf der er sein, übers Künstlerische hinaus ins Persönliche reichendes, Verhältnis zu Eisler komponiert hat. O-Toncollagen aus den Gesprächen Eislers mit dem Germanisten Hans Bunge illustrieren Goebbels´ Auswahl aus Eislers Orchestermusiken und Brecht-Vertonungen, deren musikalische Aktualität und Frische vor allem in Goebbels´ höchst origineller Instrumentation aufscheint. Dazu widerlegt Joseph Bierbichlers brüchig emphatische Stimme eindrucksvoll eines der zählebigsten Vorurteile aus vierzig Jahren DDR-Eislerpflege: dass nämlich diese Musik vor allem heroisch zu verstehen sei (ECM/Universal 461 648-2).

Weg vom Heroischen will auch der Titel Roaring Eisler, den sich der Österreicher H. K. Gruber als Dirigent und Sänger und das Frankfurter Ensemble Modern ausgedacht haben für ihre Eisler-CD mit vier Orchestersuiten nebst einer Auswahl orchesterbegleiteter Lieder (nach Texten von Brecht, Tucholsky und anderen). Huber singt die durch Ernst Busch populären Stücke dialektisch pfiffig wie Brecht sie gesungen hätte; und das Ensemble Modern treibt den Suiten, die vor allem als Filmmusik zu Kuhle Wampe bekannt sein dürften, mit so enormem Drive das klassenkämpferisch Proletkultische aus, dass sie am Ende klingen wie das, was sie über die Zeiten hin sind - in kraftvoll raffinierte Musik verwandelte Lebenslust (RCA/BMG 74321 56882 2).

In seinem Opus summum, der Deutschen Sinfonie hat Eisler, von kammermusikalisch lyrischen Miniaturen bis zu sinfonischen Großformen und bewegendem Einsatz der menschlichen Stimme in Arien und Chören, alle Register seines Könnens gezogen. So gelingt es ihm, die ästhetisch schwere Last der politischen Botschaft - das Werk ist ein mit Lehrhaftigkeit fast überfrachtetes musikalisches Mahn- und Denkmal der Kämpfer gegen den Faschismus - Stück für Stück aufzuheben in hinreißend schöner Musik (Matthias Gorne und andere, Orchester der Stuttgarter Staatsoper, Lothar Zagrosek; Decca/Universal 448 389 2).

Eisler war ein zerrissener Mensch in einer zerrissenen Zeit. Gefühle und das Gespür für Erscheinungen wie die Unterschiedlichkeit des Regnens - eine seiner schönsten Kammermusiken heißt Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben - musste er sich vom Herzen reißen unter langen Rechtfertigungen. So hat er die Komposition seines Hollywood Songbook Bunge gegenüber klug verteidigt - mitten im Vernichtungskrieg gegen die Nazis darf man ja vielleicht keinen Hölderlin, keinen Eichendorff und keinen Pascal vertonen! Die Art, wie er es dennoch tat, zeigt, dass es im Innersten nicht das Heroische war, das Hanns Eisler antrieb, aber Pathos, Lebensfreude, Idyll, vermischt mit einem Hang zu tiefer Zartheit; das alles in einem Menschen, der gegen andere oft auch scharf und grob sein konnte. Im kalifornischen Liederbuch, kongenial gesungen von Matthias Goerne, fasst Eisler mit Hilfe nicht zuletzt des kunstvollen Einsatzes der Zwölftontechnik seines Lehrers die Texte, den Genuss an ihnen und ihre Ewigkeit gleichsam verdoppelnd, wie in Bernstein. So Brecht. Und er musste es wissen (Decca/Universal 460 582-2).

00:00 28.02.2003

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