Lauschangriff 6/05

Klassik-Kolumne Ach, ein Hammerflügel. Man weiß ja nie, sagen die Experten, ob es je so geklungen hat? Die originalen Instrumente sind um die 200 Jahre alt. Die ...

Ach, ein Hammerflügel. Man weiß ja nie, sagen die Experten, ob es je so geklungen hat? Die originalen Instrumente sind um die 200 Jahre alt. Die weiche Hirschlederbespannung auf den Hämmern, das schwarze Ebenholz für die Halbtontasten - in 200 Jahren wurde das viele Male ausgewechselt. Dazu muss man, sollen die kleinen alten Instrumente restauriert oder kopiert werden, die Rezepturen für die Zusammensetzung der originalen Lacke kennen, die spezielle Metalllegierung der Saiten, die es erlaubt, sie extrem dünn auszuziehen. Die Saiten sind viermal dünner, der Klang darum viermal kürzer als bei einem Steinway - aber hundert mal zärtlicher, feiner, durchsichtiger. Und wenn man es ganz besonders perfekt machen will, muss man auch noch wissen, woher die Bergfichtenstämme kommen für die Resonanzböden mit den unvergleichlich zarten Schwingungen. Das Holz steht in den Dolomiten hoch oben an der Baumgrenze, wo das Wetter übers Jahr immer gleich ist, weshalb das Holz fast völlig gleiche Jahresringe aufweist.

"Schon Stradivari", weiß Andreas Staier über den berühmten oberitalienischen Geigenbauer, "hat von dort sein Holz geholt." Staier ist Deutschlands führender Hammerflügelspieler. Anders als seine Kollegen an den schwarz lackierten Riesenflügeln, die sich an ihre Instrumente setzen "wie in einen Porsche" ("rein mit dem Zündschlüssel, umdrehen und ab geht´s mit Beethoven, Liszt, Skrjabin"), besucht Staier öfter die Klavierwerkstatt von Monika May in Marburg. Dort werden seine Hammerflügel gewartet, dort wurden einige von ihnen gebaut. Er soll sich also auskennen in deren Innereien. Denn wenn ihn Frau May einmal nicht begleitet auf seinen Tourneen, muss er selbst ran, einen klemmenden Hammer gängig machen, einen Dämpferfilz auswechseln.

Natürlich kann man Schuberts Sonate a-moll D 845 auch wie üblich auf einem Steinway spielen. Das Publikum hat diesen Klang tief im Ohr; es kennt ihn von wunderbaren Aufführungen mit großen Interpreten. Aber auf einem Hammerflügel klingt es eben anders. Wie wenn man zum Beispiel Mozarts Oboenkonzert, nachdem man es, sagen wir, anderthalb Jahrhunderte nur immer auf der Flöte gespielt und gehört hätte, plötzlich und endlich auf dem Instrument erlebte, für das es komponiert wurde. Nichts gegen die Flöte. Aber die Oboe hat Eigenheiten, auf die nicht verzichten möchte, wer sie kennt und liebt. So ist es mit dem Hammerflügel. Einziger Unterschied: den Hammerflügelklang kennen bisher nur Vertraute des Metiers.

Soll sich das ändern, müsste sich der Konzertbetrieb ändern. Zurück in die Zukunft. In kleinere Säle zum Beispiel, wo man mit den alten, köstlich klingenden Instrumenten und dergestalt mit Interpreten und Musik in Gesprächsweite käme. Weil aber, mit der Folge geringerer Einnahmen, in kleinere Säle weniger Leute passen, müsste man auch zurück zu kleineren Gagen. Die Relationen der gesellschaftlichen Kosten, das System und das Ranking der Werte müssten sich ändern; Kultur zum Beispiel müsste wieder etwas gelten. Es müssten sich folglich die Produktionsverhältnisse ändern, was sie, wie man doch weiß, nur tun, wenn sich die gesellschaftlichen Besitzverhältnisse ändern.

Durch Schuberts Wehmut bricht öfter ein Zorn, den er bei solcherart Überlegungen - in seinem Freundeskreis gab es Verhaftungen aus politischen Gründen - empfunden haben mag, an deren Ende er indes ähnlich ratlos gewesen sein dürfte wie die Zeitgenossen der Globaldiktatur des juste milieu von heute.

Ein Hammerflügel, besonders wenn sich seiner ein Virtuose von Andreas Staiers Gnaden bedient, stellt solche Sforzato-Stellen und Fortissimo-Ausbrüche gestisch dar. Fortissimo, das ist auf den kleinen und zarten Vorfahren der Konzertriesen unserer Tage nicht Lautstärke. Sondern eine Haltung, eine Geste, wie sich ihrer die Leidenschaft, die Heftigkeit oder der Zorn bedienen. So wie Farbwechsel auf Hammerflügeln schon darum unvergleichlich erscheinen, weil Hammerflügel wirkliche Farben erzeugen und einen Dämmer und eine Mondsilbrigkeit, die der Seele - auf Schuberts wunderlichen Abwegen - wirklich und wahrhaftig und wohligweh einleuchten.

Franz Schubert: Sonate a-moll op. 42 D 845; Brice Pauset: Kontra-Sonate; aeon/hmf AECD 0421; Divertissements zu vier Händen D 818 und 823 (mit Alexej Lubimov) Teldec/Warner 0630-17113-2


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00:00 04.03.2005

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