Lauschangriff 6/06

Klassik-Kolumne Es sitzt sich gut am Holztisch in Anner Bijlsmas Küche. Sie befindet sich im Souterrain eines dunkelbacksteinernen Bürgerhauses am Rand des alten ...

Es sitzt sich gut am Holztisch in Anner Bijlsmas Küche. Sie befindet sich im Souterrain eines dunkelbacksteinernen Bürgerhauses am Rand des alten Vondelpark in Amsterdam und wird vom Arbeits- zum Wohnzimmer, bevor der Blick durch das wandgroße Fenster hinausgeht in den Garten. Worüber redet man mit Anner Bijlsma, wenn alle Fragen übers persönliche Wohlergehen geklärt sind? Über Musik, versteht sich. Anner Bijlsma ist Musikant, einer der einflussreichsten Cellisten der Gegenwart. Er ist es geworden ohne die obligate Solistenkarriere durch die Konzertsäle und Tonstudios der Welt. Als Solist hätte er auf Dauer mit Dirigenten zusammen arbeiten müssen - und wenn Anner Bijlsma etwas nicht mag, dann sind es Dirigenten. "Es gibt einen Haufen Scheißdirigenten", stellt er fest, "das Problem ist, sie sehen genau so aus wie die Meisterdirigenten - und nehmen sich genau so wichtig." Als sehr junger Solocellist des weltberühmten Amsterdamer Concertgebouw Orkest quittierte er nach sechs Jahren den Dienst. Fortan, so hatte er beschlossen, würde er, mit seltenen Ausnahmen, nur noch Kammermusik spielen.

Er ist heute 72. Zusammen mit seiner Frau, der Geigerin Vera Beths und dem Freund und Bratscher Jürgen Kussmaul hat er vor langer Zeit das Kammermusikensemble L´Archibudelli gegründet. Dessen Repertoire, für das sich die Drei je nach Bedarf mit weiteren Solisten ergänzen, beginnt mit der Wiener Klassik, obwohl Bijlsma deren Gründervater Haydn nicht übermäßig schätzt. "Mein Gott ist größer", sagt er zum Thema Haydn. "Er heißt Boccherini, ist magischer und mysteriöser. Aber man spielt ihn immer wie Haydn." Bijlsma redet auf die Tischplatte herab. "Man kann Stücke von bestimmten Komponisten so spielen, dass man die Größe nicht mehr erkennt, verstehen Sie, das geht, da werde ich sauer."

Schubert habe sein C-Dur Quintett in derselben Art geschrieben wie Boccherini Quintette schrieb, sagt Bijlsma. Schubert sei zwar immer Schubert, klar, aber Boccherini war berühmt damals und wurde viel bearbeitet und gespielt in den bürgerlichen Musikzirkeln der Zeit. "Da hat der Schubert seine Musik kennen gelernt und hat die Schreibart übernommen."

Auf die Idee, ein richtig großes, mit der ganzen Emotionalität und religiösen Theatralik einer Messe versehenes Stabat Mater zu schreiben - besetzt nur mit einem Sopran und einem Streichquartett -, ist Schubert allerdings nie gekommen. Schon das Minimum an Personal hat etwas Tröstliches. Denn es legt die Erkenntnis nah, dass die großen Wirkungen nicht entstehen aufgrund des Einsatzes von viel Macht und Masse. Sie ergeben sich viel mehr oft aus geringstem Aufwand, ja, der geringe Aufwand scheint die Großartigkeit und Tiefe ihrer Wirkung auf rätselhafte Weise zu vervielfachen.

Der schlanke Sopran von Roberta Invernizzi gleicht sich in Timbre und Fortbewegungsart dem Streicherklang an. Die Streicher "ersetzen" an den entsprechenden Stellen mühelos Chor, Orgel, konzertierende oder Arien begleitende Holzbläser sowie die Orchesterbegleitung. Ein kleiner Instrumentalsatz am Beginn und am Ende jeder Vokalpassage rahmt und rundet die Messeteile. Die Streicher geben darin die Stimmung vor, meist dissonantisch abgedunkelt, aber nicht eindimensional: So schließt die Messe nach solitärer Klage des Soprans mit einer düsteren Streicherkadenz, die sich, das mehrfache Amen der Sängerin begleitend, zu einem dieser raffiniert schattigen Tänze Boccherinis entwickelt, in denen Lebenskraft und Witz sich cool umkreisen.

Die Zahl der markanten Cello-Stellen ist bei Boccherini kaum größer als bei anderen Streichquartett-Komponisten der Zeit. Es stört Bijlsma nicht. "Es gibt nichts Schöneres, als einen guten Bass zu spielen", lautet eine seiner Lieblingswendungen. Mozart nimmt er trotzdem ein bisschen übel, dass der kein solistisches Stück für Cello hinterlassen hat, jedenfalls kein vollständiges. Das fulminante Fragment des Eröffnungssatzes einer liegengebliebenen und kaum bekannten Sinfonia Concertante für Geige, Bratsche und Cello allerdings führen er, seine Frau und beider Freund mit viel Leidenschaft und Können immer wieder auf.

Joseph Haydn: Cellokonzerte - Anner Bijlsma, Kammerorchester Tafelmusik, Bruno Weil, dhm/BMG RD 77757; Boccherini: Stabat Mater, Quintette op. 41 Nr. 1 und 2 - Roberta Invernizzi, L´Archibudelli, Sony Classical/Vivarte SK 89926


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00:00 17.03.2006

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