Lauschangriff 6/07

Klassik-Kolumne "Wenn er einen raisonance-boden zu einem Clavier fertig hat", schrieb der 21-jährige Mozart im Oktober 1777 aus Augsburg nach Hause, "so stellt er ...

"Wenn er einen raisonance-boden zu einem Clavier fertig hat", schrieb der 21-jährige Mozart im Oktober 1777 aus Augsburg nach Hause, "so stellt er ihn in die luft, Regen, schnee, sonnenhitze und allen Teüffel, damit er zerspringt." Die Rechtschreibung geriet ihm zufällig. Groß wurde geschrieben, was mirakulös genug oder wichtig war. Und wichtig war Mozart vor allem das "Clavier", sein Instrument, dem er in der Augsburger Werkstatt Johann Andreas Steins erstmals in baulich und technisch avancierter Gestalt begegnete. Er war begeistert über die Tricks, mit denen der Klavierbauer aus Holz Klang werden ließ. "seine hämmerl", berichtet der Komponist und Virtuose, "wen man die Claves (Tasten) anspielt, fallen, in den augenblick da sie an die saiten hinaufspringen, wieder herab, man mag den Claves liegen lassen oder auslassen."

Zeitlebens hat sich Mozart über Mechanik und Bau seiner Instrumente auf dem Laufenden gehalten. Deren Baugeschichte stand analog zum Platz Mozarts in der Musikgeschichte an einem Schnittpunkt zwischen Gestern und Morgen. In dem "Stein vis-a-vis" von 1777, auf dem Andreas Staier und Christine Schornsheim vierhändig Mozart spielen, wurde dieser Moment zu Materie und Klang. Die eine Hälfte des - auch optisch (auf dem CD-Cover) kostbaren - Instruments ist ein Hammerflügel, wie Mozart ihn bei Stein bewunderte, die gegenüber liegende Hälfte ein dreimanualiges Cembalo, dessen vier Register zum Hammerflügel hinzugekoppelt werden können.

Beim ersten Hören ähneln sich die Klangwelten. Steins Hammerflügel, der erste und modernste seiner Art, klingt hell und cembalonah. Dagegen setzt sich bei mehrmaligem Hören der kürzere, obertonreichere Klang des Cembalo ab. Mozart ist auf einem Cembalo in seinen Beruf hinein gewachsen. Noch seinem Klavierspiel der späten Jahre war die frühe Cembaloerfahrung anzuhören. Staier/Schornsheim haben mit den kaum bekannten, ab 1777 komponierten Präludien Musiken ausgewählt, in denen sich Mozarts Stellung zwischen Bach/Händel und Klassik/Romantik kundtut. Sie betonen brillant den improvisatorischen Charakter dieser Werke. Dagegen sind die beiden Sonaten für Klavier zu vier Händen - besonders deren langsame Sätze - bezaubernd leichte, von Folklore und vom einfachen Leben inspirierte Kost.

Zufall vielleicht, dass die CD an einem weiteren Schnittpunkt heraus kam, dem Schnittpunkt zwischen Winter und Sommer. Der Klang des Instruments passt kongenial zur silbrigen Luft dieser glücklichen Tage mit ihrem - im Norden vorerst dünnen - Festkleidchen aus Blüten, Knospen und zartem Blätterschimmer. Die etwas voreiligen Osterlämmchen passen dazu so gut wie das flüssige Silber der Sonne auf dem dunstigen Wasser des Sees vor unserem Häuschen am Hang.

Der Klang des Hammerflügels, auf dem der Belgier Jan Vermeulen die zwei vorletzten Sonaten Schuberts spielt, ist älter, dunkler und fülliger. Er schafft, passend zum späten Schubert, die wundersam beredte Aura, die den alten Instrumenten eignet. Und ist doch nur eine Generation vom Viv-a-vis-Flügel Steins entfernt. Hergestellt hat ihn 1826 die Tochter Steins, die in Wien geheiratet und als Nanette Streicher unter anderen Beethoven und Schubert beliefert hat.

Die Pianofortes dieser Zeit differieren im Klang in Zehnjahressprüngen, auf jedem Instrument klingt dasselbe Werk anders. Der Klang des Streicher-Flügels ist extrem charakteristisch. Die Tasten im hohen Diskant klingen stumpf und spitz. Mehrheitsmenschen, die aus uralter Gewohnheit auf den Klang eines Steinway eingeschworen sind, werden das Instrument für "defekt" halten. Kenner der auratischen Nuanciertheit gut restaurierter Hammerflügel werden solche Eigenheiten und Zuspitzungen genießen an Stellen wie dem Ausbruch in der Durchführung des Andantino der A-Dur Sonate, wo die wie kopflose Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Verzweiflung Schuberts in ihrer verstörenden und zerstörenden Abwegigkeit durch sie so recht erst fühlbar wird. Wie auf der anderen Seite (der Klaviatur) das auf dem alten Flügel unvergleichlich duftige und finstere Verdämmern des Satzes im Bass.

Mozart: Präludien K. 284a, K. 624 und 394, Sonaten K. 358 und 381 - Christine Schornsheim/ Andreas Staier, Harmonia Mundi HMC 901941; Schubert: Sonaten D 958, "Reliquie" D 840, D 537, D 959, zwei Scherzi D 593 - Jan Vermeulen, Et´Cetera/Codaex KTC 1330


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00:00 06.04.2007

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