Lauschangriff 7/05

Kolumne Kettcar kommen aus Hamburg. Ich komme aus Manchester und habe die letzten 20 Jahre überwiegend damit verbracht, meine Begeisterung für britische ...

Kettcar kommen aus Hamburg. Ich komme aus Manchester und habe die letzten 20 Jahre überwiegend damit verbracht, meine Begeisterung für britische Musik hierzulande weiter zu vermitteln. Im Herzen noch ein Gastarbeiter, habe ich keine enge Beziehung zur zeitgenössischen deutschen Musik entwickelt, und oft glaubte ich sogar, sie gar nicht beurteilen zu können. Es gab Ausnahmen wie die Kastrierten Philosophen in den achtziger Jahren, oder Blumfeld´s L´Etat et Moi 1994. Allerdings erschien das Album im englischen Big Cat Label, und der Verdacht liegt nah, dass ich deshalb so aufmerksam zuhörte, weil ein britischer Labelchef Blumfeld entdeckt hatte.

2002 sah ich anlässlich der Veröffentlichung ihres Debütalbums Du und wieviel von Deinen Freunden ein Showcase-Konzert von Kettcar im Nachtasyl in Hamburg. Sie kamen mir wie eine englische Band mit deutschen Texten vor. Deutlich hörte ich die besondere Balance zwischen Leichtigkeit und Melancholie heraus, die ich bei britischen Bands so schätze. Ernste Botschaften mit einem Lächeln auf den Lippen überzeugend an den Mann zu bringen, ist leichter gesagt als getan. "Aber irgendwie ist es doch besser im Taxi zu weinen als im HVV-Bus, oder nicht?" war in lustig-ernster Hinsicht meine persönliche Lieblingszeile des Albums. Die freudige Erregung, Kettcar betreffend, war weit verbreitet. Die einzigen Menschen, die das Album nicht mochten, waren die, die sowieso Angst vor Kitsch haben. Das sind dieselben, die bei Oasis den Kopf schütteln und nicht verstehen, warum so viele Leute sie mögen. Aber für alle diejenigen, die der Überzeugung sind, dass hymnenartige Melodien die Basis der Popmusik sind, zusammen mit Texten, die von Erfahrungen berichten, die man selbst schmerzhaft erlebt hat, war das Album ein deutschsprachiger Triumph.

Leider kann man nur ein Mal ein erstes Album machen, und Du und wieviel von Deinen Freunden klang ganz besonders jungfräulich im Sinne von frisch, zudem war das Songwritingniveau extrem hoch, und hatte gar nicht Schwerfälliges. Das mag mit daran gelegen haben, dass die Bandmitglieder alle schon bei anderen Bands mitgewirkt hatten, wie zum Beispiel der Sänger/Gitarrist Marcus Wiebusch der früher bei ...But Alive mit dabei war. Die Enttäuschung beim zweiten Album ist vorprogrammiert, besonders wenn die Reaktion auf das erste Album so heftig war. Aber sobald eine Enttäuschung vorprogrammiert ist, ist sie schon nicht mehr ganz echt, weil man ja nicht wirklich negativ überrascht wurde. Also ist man auch wieder völlig frei und kann das neue Kettcar-Album Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen bewerten ohne ständig vergleichen zu müssen.

Oder nicht? Ganz so einfach ist das nicht, denn musikalisch hat sich wenig verändert. Man wird also doch ständig an das Debütalbum erinnert. Es gibt bessere deutsche Würste, aber eine Wurst kann sich nicht in etwas anderes verwandeln. Der Vergleich mag zunächst wenig schmeichelhaft klingen, aber bedenken Sie bitte, dass die Engländer die Deutschen um ihre qualitativ hochwertige Wurst beneiden. In Sachen Qualität kann man sich auf Kettcar verlassen. Sie werden die Popmusik nicht neu erfinden, aber ihre Melodien verführen immer wieder. Der Gesang von Marcus Wiebusch hat Sogwirkung; man wird regelrecht dazu gezwungen genau hinzuhören. Parolen auszugeben ist nicht sein Ding. Ein typisches politisches Statement von ihm wäre beispielsweise: "Der Kuchen ist verteilt, die Krümel werden knapp" im Lied Deiche. Sein Mitgefühl ist immer natürlich und nie herablassend. Die Sogkraft sorgt dafür, dass Kettcar einen nicht mehr loslässt. Wer einmal bekehrt ist, bleibt dabei. Kettcar ist eine Indie-Band. Sie gründeten das Hamburger Label Grand Hotel van Cleef zusammen mit der ihnen geistesverwandten Gruppe Tomte. Es geht dem Label gut. Kettcar braucht keinen Vertrag bei einem großen Konzern, um Karriere zu machen. Am siebten April werden Kettcar in der Großen Freiheit in Hamburg spielen, da wo Oasis spielten, als es für sie mit der zweiten Platte steil bergauf ging. Beim Kettcar-Konzert wird eine ähnliche Euphorie herrschen, vermute ich.

Kettcar Tourdaten: 18.3-Göttingen, Uni; 30.3-Essen, Jze; 31.3-Köln, Live Music Hall; 1.4-Saarbrücken, Garage; 2.4.-Mannheim,Feuerwache; 3.4-Backstage; 4.4-Wien, Arena; 5.4-Dresden, Star Club; 6.4-Berlin, Columbiaclub; 7.4-Hamburg, Große
Freiheit 36.


00:00 18.03.2005

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