Lauschangriff 7/06

Kolumne Ein interessantes Image ist die halbe Miete, und man kann The Organ aus Vancouver, Kanada nicht mal vorwerfen, dass sie ihre Identität künstlich ...

Ein interessantes Image ist die halbe Miete, und man kann The Organ aus Vancouver, Kanada nicht mal vorwerfen, dass sie ihre Identität künstlich aufgebauscht hätten. Es ist schließlich nicht ihre Schuld, dass sie ein Frauenquintett sind. Aber natürlich profitieren sie, was Publicity betrifft, von dieser ungewöhnlichen Konstellation. Der Kopf der Band Katie Sketch hat jedoch nicht absichtlich vier Frauen ausgesucht, um eine Gruppe zu gründen, es waren eben Freundinnen, die sich zusammengefunden haben. Vielleicht redeten sie ja erst miteinander über Jungs, dann tauschten sie wahrscheinlich bezaubernde Strickmuster aus und eines Tages fingen sie eben damit an, miteinander zu musizieren ...

Letzteres taten sie definitiv. Das war 2001. Ende 2004 veröffentlichten The Organ ihr Debütalbum Grab that Gun in Kanada und in den Staaten. Nun erscheint das Album am 31. März bei uns in Deutschland über das englische Too Pure Label. Die Basis ihrer Musik ist Post-Punk der frühen achtziger Jahre. Post-Punk legte großen Wert auf Sensibilität und war eine Reaktion auf die fehlende Subtilität des Punks. The Organ sind nicht die Ersten, die diese Ära wieder aufleben lassen: Bands wie Interpol und The Rapture haben radikale neue Musik gemacht, mit sturem Blick nach vorne, und mit einem nostalgischen Blick nach hinten.

The Organ zeigen sehr deutlich, wo sie ihre Wurzeln ansiedeln, und versuchen ihre maßgeblichen Vorbilder nicht im Geringsten zu verbergen: Das Zusammenspiel von Schmoo´s Bass und Deborah Cohen´s Gitarre erinnern an den grüblerischen, aber leichtfüßigen Charme von New Order, The Smiths, The Cure. Manchmal dominiert die Gitarre, so wie auf dem Lied Love, Love, Love, aber die Band heißt nicht umsonst "The Organ": Das Zusammenspiel zwischen Jenny Smith´s Hammond Orgel und dem Bass ist zum Beispiel bei dem Song Sinking Hearts im Vordergrund. Darüber hinaus ist auch das Schlagzeugspiel von Shelby Stocks zu loben. Ihre Präzision symbolisiert geradezu die zielstrebige Beharrlichkeit dieser jungen Frauen mit einem Durchschnittsalter von 25.

Letztendlich aber ist der Gesang von Katie Sketch der wichtigste Bestandteil des Sounds von The Organ. Sketch´ Stimme ist nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern das Herz und die Seele dieser Band. Wie es ihr gelingt, gleichzeitig mit so vielen anderen begnadeten Sängern große Ähnlichkeit zu haben, ist mir rätselhaft. Wie kann man gleichermaßen wie Debbie Harry (Blondie), Kristin Hersh (Throwing Muses,) Morrissey, und Paul Banks (Interpol) klingen? Normalerweise ähnelt man einem einzigen anderen Sänger, aber gerade weil die Mischung so bunt ist, hat sie tatsächlich so etwas wie eine eigene Identität entwickelt. Weil es sich sowohl um männliche als auch weibliche Vorbilder handelt, passt es gut, dass Katie Sketch androgyn aussieht. Sie ist fast die Doppelgängerin des Mädchens "Georgina" in der Verfilmung von Enid Blytons Fünf Freunde: Jungenhaft und mädchenhaft, frech aber doch lieb. Bei The Organ sucht man glücklicherweise vergeblich nach Push-Up-Bhs. Katies Gesang hat Pop-Appeal, ist aber immer leidenschaftlich.

Textlich ist Morrissey hier anscheinend das größte Vorbild. So wie der große Mann aus Manchester kann Sketch traurig und unbekümmert zugleich klingen, wie auf dem Stück Love, Love, Love, wo sie singt: "That´s why I´m all alone again, that´s why I´m throwing things around my home again." Traurig und bedrohlich wie Morrissey gelingt ihr etwa beim Song Stephen Smith: "When everything is quiet, the ringing in my ears will be awfully violent."

Negative Kritik zu dieser Platte zu äußern fällt mir schwer, aber dennoch: Eine Laufzeit von dreißig Minuten ist schon sehr kurz für ein Album. Drei der Songs sind außerdem auf der Debüt-EP Sinking Hearts erschienen, aber das dürfte vor allem die kanadischen und amerikanischen Fans irritieren. Bei uns wurde die EP sowieso nicht veröffentlicht. Die Songs sind kurz und bündig und es ist geradezu eine Tugend ihrer Musik, dass sich an ihr nichts Überflüssiges findet. Das Werk gleicht einem konzentrierten Rausch. Eine große Band ist da entstanden.

The Organ auf Tour: 26. April München, Ampere, 27. April Köln, Gebäude 9, 30. April Berlin, Knaack, 1. Mai Hamburg, Molotow

00:00 24.03.2006

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