Lauschangriff 8/04

Lauschangriff Diese Band wird Dein Leben verändern!" schrieb die englische Musikzeitung NME im Januar über Franz Ferdinand. Die englische Presse ist für ihren Hype ...

Diese Band wird Dein Leben verändern!" schrieb die englische Musikzeitung NME im Januar über Franz Ferdinand. Die englische Presse ist für ihren Hype bekannt. NME ist eine Wochenzeitung, die unter dem ständigen Druck steht neuen Nachrichtenstoff zu finden. So erscheinen relativ oft Bands auf der Titelseite, die gerade mal ihre Debütsingle herausgebracht haben und anschließend dann kaum die hohen Erwartungen erfüllen können. Aber manchmal wirkt sich die Publicity auch positiv aus. Wenn Bands sehr früh übertrieben gelobt werden, noch bevor sie sich wirklich bewährt haben, kann es passieren, dass ihr Glaube an sich selbst drastisch gestärkt wird. Sie werden wie große Künstler behandelt, lange bevor das erste Kapitel ihrer Karriere geschrieben ist, aber sie verdienen manchmal den ganzen Rummel schließlich doch, wenn auch erst nachträglich.

In etwa so könnte es mit Franz Ferdinand funktioniert haben, die mittlerweile vor Selbstbewusstsein strotzen. Selten klang ein Debütalbum so souverän. Die britische Presse schwärmte jedenfalls schon letztes Jahr für ihre erste Single Darts of Pleasure. Meine Theorie ist, dass es den eitlen Musikexperten in Großbritannien nicht passte, dass die innovativsten neuen Bands der letzten paar Jahre in erster Linie aus New York kamen: The Strokes, Interpol, The Rapture. Die Briten brauchten ihre eigene Version davon, und Franz Ferdinand erfüllt nun diesen Anspruch ziemlich perfekt.

Musikalisch ist die Ähnlichkeit mit ihren amerikanischen Zeitgenossen ganz offensichtlich: Zwei aufgeregte Gitarren, gelegentliche Keyboards, Discobeats und unterkühlter Gesang. Während die jungen New Yorker ihre traditionelle Lou Reed-artige Coolness ausstrahlen, vermittelt Franz Ferdinand das Feeling extrovertierter schottischer Exzentrizität. Sie sind eine aufgedrehte Version ihrer New Yorker Zeitgenossen. Die Band kommt aus Glasgow, hat aber wenig mit anderen schottischen Gruppen der letzten Jahre wie The Delgados, Belle Sebastian oder Mogwai gemeinsam, die eher für ihre Melancholie bekannt sind. Franz Ferdinand greifen auf die schottischen Musik-Wurzeln der frühen achtziger Jahre zurück, und verbreiten gute Laune wie die längst verflossenen Glasgower Bands Orange Juice und Josef K es einmal taten.

Es gibt also Vergleiche ohne Ende, aber die Diskussion zum Thema "Was ist wirklich neu?" gleicht einem Fass ohne Boden. Zum Beispiel: Franz Ferdinand lassen sich von der neuen Generation in New York beeinflussen, die selbst von den NYC-Bands der Siebziger wie Television, Talking Heads geprägt worden sind. Das Debütalbum Franz Ferdinand ist gelungen, und das ist es, was letztendlich zählt. Die zweite Single Take me out erreichte Platz 3 in den britischen Charts. Das Album kam auf Platz 2 hinter Norah Jones, mit der momentan niemand konkurrieren kann.

Woher der wenig schottisch klingende Name kommt? Manche erinnern sich vielleicht an 1914: Der Thronfolger der österreichischen Monarchie Franz Ferdinand wird getötet, das Attentat löst den ersten Weltkrieg aus. Die Bandmitglieder von Franz Ferdinand sind zwar größtenteils ehemalige Kunststudenten, also gewiss nicht ungebildet, aber in Wirklichkeit wollen sie den Band-Namen von einem Rennpferd namens "Franz Ferdinand" haben, das sie im englischen Fernsehen während einer Sportsendung sahen. Für Popverhältnisse vermitteln sie trotzdem eher den Eindruck von Intellektuellen. Welche Rockband beschäftigt sich schon mit dem ersten Weltkrieg (was sie nicht wirklich getan haben), und welcher Rockgitarrist hat in München Kontrabass und Klavier studiert? So wie Nick McCarthy, ihr Gitarrist, der deshalb sogar fließend deutsch beherrscht. Ein Lied des Debütalbums heißt original Auf Achse und es gibt eine Textzeile auf deutsch am Schluss von Darts of Pleasure, in der der Sänger Alexander Kapranos singt: "Ich heiße Superfantastisch, ich trinke Schampus mit Lachsfisch". Franz Ferdinand wollten damit wohl weniger kunstvoll als vielmehr lustig erscheinen, wie die Schotten eben sind. Für einen Moment klingen sie wie die Toten Hosen. Ansonsten sind die Texte ihrer Songs wohl das Unauffälligste an ihrem ganzen Auftritt. Auch darin zeigt sich Franz Ferdinands spezifische Klugheit: Sie haben den ursprünglichen Partyzweck des Rock´n´Roll nicht vergessen.

Franz Ferdinand auf Tour in Deutschland: 10.05. Berlin, Columbiafritz; 21.05 München, Metropolis. Als Vorgruppe für Sportfreunde Stiller: 14/15.05 Hamburg, Große Freiheit; 16.05 Hannover, Capitol; 18.05 Erfurt, Gewerkschaftshaus; 19.05 Braunschweig, Jolly Joker.



00:00 16.04.2004

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