Lauschangriff 8/07

Klassik-Kolumne Der argentinisch-deutsche Komponist Mauricio Kagel ist einer der vielen Spieler unter den Musikern. Kein Gambler. Erst recht kein Zocker. Kagel ...

Der argentinisch-deutsche Komponist Mauricio Kagel ist einer der vielen Spieler unter den Musikern. Kein Gambler. Erst recht kein Zocker. Kagel disponiert exakt, plant kühl; er weiß, was er will. Komponieren, das heißt für ihn - im Sinn von Experiment und Variation - Spielen mit dem Material. Nur wird aus dem Spiel, wenn es ernst wird, Kunst. Bei Kagel bleibt auch in der Kunst der Spaß erhalten, das Spiel bleibt Spiel, das lässt viele Kagel-Werke fragmentarisch erscheinen wie Versuchsanordnungen oder ein work in progress.

Die jüngst erschienene Mauricio Kagel Edition zum 75ten Geburtstag des Künstlers im vergangenen Dezember ist mit ihren zwei CDs und einer DVD eine Dokumentation einiger Spielergebnisse des 1931 geborenen Kagels, der seit dreißig Jahren in Köln lebt. Er präsentiert sich darauf nicht nur als Tonsetzer, der er vor allem ist, sondern auch mit anderen Facetten seines multiplen Talents.

In Pandoras Box, Bandoneonpiece von 1960 tritt er als Interpret auf. Die sonderbare musikalische Konstruktion des Bandoneons mit seiner, in Bezug zur absoluten Tonhöhe, alogischen Anordnung der Töne, sowie mit verschiedenen Tönen beim Ziehen oder Zusammendrücken des Balgs unterscheidet sich stark vom in Europa gebräuchlichen Akkordeon. Sie hat Kagel - er beschreibt es als auch inspirierter Texter im Beiheft - zum "Experimentieren mit Formen der neuesten Instrumentalpraxis" provoziert. Um die räumliche Anlage der Komposition zu unterstreichen, für die sich das Instrument geradezu aufdrängte, dreht sich der Spieler während des Vortrags wiederholt auf einem Hocker um die eigene Achse. Instrumente wie das Bandoneon, die für "nicht salonfähig", ja fast schon für halbseiden gelten, sind Kagel, wie er schreibt, willkommen für eine "Erweiterung jener Dimension meiner Arbeiten, die eine gewissen Komik nicht verschleiert, um Missverständnisse zu fördern."

Der Tango alemán, die stark parodistisch angelegte Version eines Paradestücks argentinischer Folklore, klingt denn auch in deutschen Ohren typisch argentinisch. Wenn dagegen Kagel das Stück, in dem er auf der CD in einer emotionsgeladenen Phantasiesprache auch als Sänger auftritt, "drüben" aufführte, stellte er fest, dass diese Musik seinen früheren Landsleuten "urgermanisch" vorkam.

Ein Lehr- und Paradestück der nachgerade kindlich-genialischen Spielnatur dieses Komponisten ist sein (Hörspiel) Ein Aufnahmezustand. Die Genrebezeichnung steht bewusst in Klammern. Denn Kagel erweitert hier die Möglichkeiten des Hörspiels so erheblich, dass man besser von einer neuen Gattung ausgeht, in der es um die Erzeugung und Anordnung akustischer Ereignisse geht. Ähnlich wie Marcel Duchamps in der bildenden Kunst bedient sich die Musik hier akustischer objets trouvés, Kagel hat sie allerdings nicht direkt gefunden, er hat sie sich erbeten oder ergeben lassen im Studio bei der Produktion. Da singt und spricht ein Kind, es spielt Blockflöte. Der Jazzsaxophonist Peter Brötzmann bläst Klarinette. Sie beherrschen diese Instrumente nicht. "Mich hat interessiert, wie das klingt", sagt Kagel im Hörspielverlauf, "wenn Menschen Instrumente spielen, die sie nicht spielen können." Es klingt frisch und aufregend wie der Brummkreisel aus der Kindheit, die knarrende Tür, der keuchende Mensch, die Musik der Sprache mit und ohne Inhalt oder Bedeutung und alles andere, das hier zu Kunst wird in einer Kontrapunktik sensibel herbei geführten und arrangierten akustischen Lebens.

Kein Wunder, dass der Komponist Kagel als Filmautor und Regisseur mit Ludwig van zum Beethovenjahr 1970 Kübel teils bunuel-surrealistischen, teils leicht amateurhaft wirkenden Spotts ausgießt über den spießigen, auf Oberflächenglanz, Repräsentation und Mummenschanz abonnierten Klassikbetrieb CDU-Deutschlands. Angesichts der mit Handkamera gefilmten Passagen auf den Straßen Bonns, im Zug und Bahnhof und auf dem Rheindampfer "Cecilie" in den siebziger Jahren, stellt der Zeitgenosse bestürzt fest: Da sieht´s aus wie Jahrhunderte zurück geblieben. Beethoven ein Zeitgenosse, der VW-Käfer älter als die Eroica.

The Mauricio Kagel Edition. Winter Winter / Edel Classics 910128-2, 81,99 EUR


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00:00 25.05.2007

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