Lauschangriff 9/06

Musik-Kolumne Als man die Musik der Bühnenkünstlerin und Philosophin Meredith Monk 1996 beim American Festival des San Francisco Symphony in eine Reihe stellte mit ...

Als man die Musik der Bühnenkünstlerin und Philosophin Meredith Monk 1996 beim American Festival des San Francisco Symphony in eine Reihe stellte mit amerikanischen Meistern der Neuen Musik wie John Cage oder Henry Cowell, George Antheil, Charles Ives oder Edgar Varèse, war sie stolz. Sie war einverstanden. Monk fühlt sich selbst in der Tradition der "Mavericks", der vielen Eigenbrötler und Querköpfe in der US-Musikgeschichte. Für die Eigenheit dessen, was Meredith Monk tut, ist freilich selbst die Schublade "Neue Musik" zu eng, so kindergleich unermüdlich ist der Wagemut ihrer Erfindungslust.

Wenn man behauptete, ihr bevorzugtes Instrument sei die Stimme, wäre das missverständlich, denn es impliziert, sie sei Sängerin. Meredith Monk ist Sängerin. Aber wie sie es ist und wie sie vor allem nicht nur Sängerin ist, sondern, indem sie es ist, zugleich Tänzerin, Choreographin, Filmemacherin, Theaterregisseurin, die Art, wie eines aus dem anderen hervor- und ineinander übergeht - macht sie einzigartig. Ihre "Songs" bedienen sich kaum je des Worts. Auch mit Parametern wie Melodie, Rhythmus oder Harmonie kommt man ihrer Kunst nicht bei. Monks Musik kann auch aus Melodien bestehen, aus vielleicht auch tonalen Harmonien, sie bedient sich verschiedener Rhythmen. Vor allem aber ist diese Musik ein intelligentes, oft kindlich fröhliches, oft archaisch trauriges, ein scheinbar endlos variierbares Spiel mit Klängen und Geräuschen, mit Lauten, der Stille und dem Raum, die sie gliedern und gründen.

Bei Stimmübungen am Klavier während ihres Musikstudiums in den sechziger Jahren entdeckte sie: "Die Stimme kann das Fließen und die Beweglichkeit des Körpers wiedergeben. Sie kann Energien beschwören, für die es keine Worte gibt, emotionale Schattenreiche. Ich decke Empfindungen auf in einer Art Grabung. Ich bin sozusagen eine Stimm-Archäologin." Sie zitiert gern eines ihrer Vorbilder, die amerikanische Choreographin Martha Graham: "Der Körper lügt nicht," hat die gesagt. Meredith Monk: "Die Stimme auch nicht. Man kann die emotionale Unehrlichkeit hören, wenn jemand die Stimme manipuliert, nur um einen Effekt zu erzielen."

Monk manipuliert niemanden. Ein Reiz ihrer Arbeit besteht in der Unverkrampftheit eines Avantgardismus, der die Einfachheit des Urzeitlichen besitzt; sie selbst gesteht ihr, ganz unschamanisch, auch "Heilkraft" zu. Allerdings, niemand muss sich auf Meredith Monks Kunst einschwören. Sie zu "verstehen", braucht es Offenheit, ein wenig Neugier. "Jeder und jede soll sich auf meine Arbeit einlassen und eine eigene Bedeutung finden können", sagt die 1942 in Peru geborene Amerikanerin, die seit 1945 in New York lebt. Ihre aus Polen und Russland stammenden Vorfahren sind seit vier Generationen Musiker; ein Großvater war jüdischer Kantor. Schon mit drei bekam sie Gesangs- und Tanzunterricht, so dass ihr die Affinität und Identität von Stimme, Körper und Instrument, von Gesang, Tanz, Theater und Film gleichsam in die Wiege gelegt waren.

Monks Kunst, mit den Gliedern, den Vokabeln des Körpers, zu singen, mit dem Atem, der Zunge, mit Lippen und Gurgel zu tanzen, veranlasste Kollegen wie die Rocksängerin Björk, DJ Spooky oder die Gruppe Bang on the Can, ihr 2004 in der Carnegie Hall zum 40-jährigen Bühnenjubiläum zu huldigen.

"Jung bleiben heißt, sich nicht auf Dinge zu verlassen, die man schon weiß", verrät die springlebendige Jubilarin. "Wenn ich anfange, ein neues Stück zu schreiben, fühle ich mich, als finge ich wieder ganz von vorn an mit allem; es ist wie wenn du freiwillig am Rand eines Kliffs stehst, wie Blindflug. Ich habe mich oft gefragt, warum so viel Risiko? Aber man kommt immer wieder an den Punkt, wo die Neugier größer wird als die Angst."

Die Musik Meredtih Monks und ihres New Yorker Ensembles The House Company präsentiert sich seit Beginn der 80er Jahre auf Manfred Eichers ECM-Label. Die Kreativität und Risikofreude dieser Firma entspricht der Kunst Monks. Man bedauert nur, dass ECM bisher offenbar keine Möglichkeiten hat, deren interdisziplinären, alle Genres diffundierenden und integrierenden Charakter auf DVD zu dokumentieren.

Volcano Songs - Meredith Monk, Kathie Geissinger, Dina Emerson, Allison Easter, Gesang, ECM/Universal Classic 1589; Facing North - Meredith Monk, Gesang, Piano, Orgel, Flöte, Robert Een, Gesang, Flöte, ECM/Universal Classic 1482 437 439 2

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00:00 12.05.2006

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