Lauschen hilft

Papstrede Viele Abgeordnete haben angekündigt, bei der Papstrede den Plenarsaal demonstrativ zu verlassen. Dabei wäre zuhören ein Beitrag zum Dialog der Weltanschauungen

Das ist schon überraschend. Ein Papst – seit 5 Jahrhunderten zum ersten Mal ein Deutscher – kommt nach Deutschland und Ablehnung und Empörung sind erheblich, Gegendemonstrationen sind angekündigt, Zuhören bei der Rede des Papstes im Bundestag wird verweigert.

Dass es Meinungsunterschiede in Sachen Religion und Kirche gibt, ist nicht überraschend. Dass sie sich öffentlich artikulieren, ist in einer offenen, freien Gesellschaft selbstverständlich. Aber die Schärfe des Tons, der Umfang von Hohn und Spott, das ist doch überraschend. Man gewinnt den Eindruck, die (katholische) Kirche sei in unserem Lande so übermächtig, dass man sich mit besonderer Aggressivität gegen sie wehren müsse. Das allerdings hat mit der wirklichen weltanschaulichen Lage in Deutschland nichts zu tun. Sichtbar aber wird: Diffamierung von Judentum und Islam und Atheismus gilt als politisch-moralisch inkorrekt, für die Diffamierung des Christentums gilt das nicht in gleicher Weise. Der Umgang jedenfalls mit diesem Papst-Besuch ist auch eine Probe auf die Toleranzfähigkeit unserer Öffentlichkeit.

Verletzt nun der Auftritt des Papstes im Bundestag die weltanschauliche Neutralität des Verfassungsorgans? Widerspricht dieser Auftritt der in unserem Lande geltenden Trennung von Staat und Kirche? Ich halte solche Befürchtungen für ziemlich übertrieben. Denn weder wird der Papst den Plenarsaal als Bühne für eine Predigt nutzen, noch müssen die Abgeordneten den Ansichten des Papstes zustimmen. Innerhalb und außerhalb des Bundestages gelten Meinungs- und Religionsfreiheit, das gilt auch bei und nach dem Papstbesuch, selbstverständlich. Kein Abgeordneter ist übrigens gezwungen teilzunehmen – das war bei früheren Auftritten von Staatsoberhäuptern oder anderen Politik- und Geistesgrößen schon so.

Darf nur der Vertreter einer Demokratie vor dem Bundestag auftreten? Die katholische Kirche ist gewiss keine Demokratie. (Religion ist generell nicht demokratisch, wie übrigens Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft auch nicht!) Darf nur jemand sprechen, dessen Ansichten man teilt oder wenigstens für erträglich hält? Wer entschiede das und wer bliebe übrig? Darf nur im Bundestag jemand auftreten, der einen Gesinnungstest bestanden hat und meinungsführenden Gruppen gefällt?

Nein, die Demokratie als politische Lebensform der Freiheit erlaubt nicht nur, sondern lädt dazu ein, dass die Bürger aus ihren starken – und eben oft auch kontroversen – Grundüberzeugungen in ihr nicht nur privat, sondern öffentlich agieren. Das gilt sogar für Katholiken, das gilt sogar für den Papst. Hoffentlich.

Ihm dabei zuzuhören heißt nicht, alle seine Überzeugungen in Fragen von Moral und Lebensgestaltung teilen zu müssen. Ihm zuzuhören wäre aber ein kleiner Beitrag des deutschen Parlaments und der deutschen Öffentlichkeit zu dem Dialog zwischen den Kulturen, Religionen, Weltanschauungen, den so viele immer wieder fordern – um einer friedlichen Welt willen.

Wolfgang Thierse ist Vizepräsident des Deutschen Bundestags und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

07:00 22.09.2011

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