Lausitzer Deckelklappern

Cottbus Die Rufmordkampagne gegen eine Lokalreporterin schadet inzwischen dem Image der Stadt. Sie hat schon einmal die Erfahrung gemacht, dass Abwiegeln dagegen nichts hilft

Cottbus ist »keine Hochburg von Filz und Korruption.« Waldemar Kleinschmidt (CDU), der Oberbürgermeister der südbrandenburgischen Stadt, wiegelt ab. Dieser Vorwurf, den die Medien seit zwei Wochen bundesweit erheben, »wird den Cottbusern nicht gerecht«.

Die Enthüllungen über den Baufilz in der Stadt, die Cottbus jetzt diesen Ruf bescheren, liegen weit zurück. Acht bis zehn Monate ist es her, da hatte Simone Wendler, die Chefreporterin der Lausitzer Rundschau aufgedeckt, was damals in Cottbus hohe Wogen schlug, außerhalb der Stadt jedoch kaum jemanden interessierte: Manager der städtischen Gebäudewirtschaft GWC hatten nach Wendlers Recherchen bei der Vergabe von Aufträgen gute Bekannte bevorzugt sowie Unternehmen, an denen sie selbst oder Familienangehörige beteiligt waren. Nach entsprechenden Berichten Ende vergangenen Jahres mussten beide Geschäftsführer und weitere Manager der GWC gehen. Längst ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Wieso ist das Monate später plötzlich überregional von Interesse? Den Bauunternehmern der Stadt ergeht es wie Goethes Zauberlehrling: Die Medien, die sie selbst Anfang August gerufen hatten, werden sie nicht mehr los. Mit einem Mann aus der Cottbuser Bauszene als Zeugen starteten das Anzeigenblatt Der Märkische Bote, das 80.000-fach in Cottbuser Haushalte verteilt wird, und der Stadtsender LTV Anfang August eine Diffamierungskampagne gegen Simone Wendler. Die 46-jährige Journalistin kreiere »den Verhör-Stil als journalistische Methode«, sie betreibe »Telefon-Terror« und hätte die Frau eines Interviewpartners zu einem Selbstmordversuch getrieben, lauteten nur einige der Vorwürfe. Zuerst spielte der Stadtsender Zeitlupenaufnahmen der Reporterin ab, bei der Menschen »Angst davor haben, in der Zeitung zu stehen«. Am nächsten Tag bat dann der Märkische Bote zur Videoaufführung dieser Sendung in seine Redaktion - Lokalmedien und die hinter ihr stehenden lokalen Wirtschaftsleute hatten ein Thema gesetzt.

Wendler und die Lausitzer Rundschau schlugen zurück: Juristisch, indem sie dem Märkischen Boten per einstweiliger Verfügung die Wiederholung von 14 verleumderischen Aussagen untersagen und eine Gegendarstellung durchsetzen ließen. Wendler machte außerdem öffentlich, welchen Drohungen sie, als sie vor Monaten einen Baufilzskandal in der südbrandenburgischen Stadt aufgedeckt hatte, ausgesetzt war. »Es begann damit, dass mir Gesprächspartner den gutgemeinten Rat gaben, doch die Finger von dem Thema zu lassen. Ich wüsste wohl nicht, mit wem ich mich da anlege.« Doch für die resolute Frau, die eigentlich Chemie studiert, nach der Wende als journalistische Quereinsteigerin begonnen hatte und in den neunziger Jahren als konsequente Streiterin gegen die rechte Szene in der Lausitz galt, war das kein Grund aufzugeben. Auch wenn die Drohungen so handfest wurden, dass sie inzwischen aktenkundig sind: Die Reporterin ging zur Polizei, nachdem sie beobachtet hatte, dass ihr Haus mit einem Tele-Objektiv observiert und weil auf ihre Handy-Mailbox ein Lied mit dem Text »Dich schlagen wir tot« gespielt wurde. In die Wohnung ihres Chefredakteurs Stefan Herbst sei außerdem eingebrochen worden, ohne dass etwas entwendet wurde. Wendler: »Wir haben das damals nicht öffentlich gemacht, weil es eine Absprache mit der Polizei gab.«

Baufilz und Angriffe auf eine Journalistin in Cottbus. Vermutlich wäre auch das nur für Standesvertretungen, die Staatsanwaltschaft und vielleicht noch für ein paar Landespolitiker ein Thema gewesen, wäre da nicht etwas hinzugekommen: Die Einschüchterungsversuche und Observierungen erinnern allzu sehr an Stasimethoden. Und Simone Wendler hatte öffentlich gemacht, dass mehrere von der GWC bevorzugte Bauunternehmer früher für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hatten. Einer dieser Bauunternehmer, früher stellvertretender Dienststellenleiter der Staatssicherheit in Cottbus, soll, so Wendler, über seine Firma am Stadtsender LTV beteiligt sein, an jenem Sender, der sie nun diffamiert. »Dass das Firmengeflecht, das sich um die städtische Wohnungsbaugesellschaft rankt, insgesamt eine Stasigeburt ist, kann ich nicht beweisen«, räumt die Journalistin allerdings ein.

Dennoch: Die Vorfälle um Simone Wendler sind auf einmal bundesweit Thema. Was als eine Anti-Wendler-Kampagne begonnen hatte, verkehrt sich in sein Gegenteil. Cottbus sieht sich durch die Presseveröffentlichungen einem Imageschaden ausgesetzt, fast so wie vor zwei Jahren, als die Stadt nach einem Spiegel-Artikel bundesweit den Ruf einer rechten Hochburg bekommen hatte. Nach anfänglichen Verdrängungsversuchen rüttelte sich die Stadt schließlich wach. Es gab Stadtspaziergänge gegen rechts mit dem Oberbürgermeister und Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) an der Spitze. Dass die Gegenöffentlichkeit keinen Deckel bekam, zeigte Wirkung. Bei den Landtagswahlen 1999 bekam die DVU in Cottbus die wenigsten Stimmen in der ganzen Lausitz.

Doch auch heute wiegelt das offizielle Cottbus wieder ab. »Der Imageschaden für Cottbus ist enorm«, erklärt etwa IHK-Hauptgeschäftsführer Joachim Linstedt. Außerhalb von Cottbus werde er »automatisch« auf die innerstädtischen Konflikte angesprochen. Und Bürgermeister Kleinschmidt wehrt sich zwar gegen den Ruf der Stadt als Hochburg von Filz, Korruption und Stasiseilschaften, verurteilt aber immerhin die Kampagne gegen die Journalistin. Die Pressefreiheit sei »eines der höchsten Güter«. »Unter den Bevorzugten des Baufilzes oder zumindest unter den Verantwortlichen, die weggeschaut hatten, sind Mitglieder verschiedener Parteien. Vielleicht halten sich deshalb Kommunalpolitiker mit Stellungnahmen zurück«, mutmaßt Simone Wendler.

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00:00 07.09.2001

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