Lauter als Deep Purple

Bühne Die Tanzbiennale "tanznrw" stellt die kulturelle Kluft zwischen Tanztheater und Hardcore-Musik auf die Bühne
Andreas Schnell | Ausgabe 19/2013

Man darf annehmen, dass die Welt des zeitgenössischen Tanztheaters mit dem „Violent Dancing“, jenem auch als „Mosh“ bekanntem wilden Tanz, der in der Metal- und Hardcore-Szene gepflegt wird und gelegentlich zu gebrochenen Nasenbeinen führt, so viel zu tun hatte wie die Mosher mit zeitgenössischem Tanztheater – nämlich gar nichts.

Die gegenseitige Ignoranz der beiden Szenen bildet nun die Inszenierung Violent Dancing ab, die im Rahmen der Tanzbiennale „tanznrw“ im Theater im Pumpenhaus in Münster Uraufführung hatte. Die kulturelle Kluft zwischen Tanztheater und Hardcore-Musik wird hier nicht zugeschüttet, sie steht vielmehr auf der Bühne. Die Distanz hat auch etwas mit dem Alter zu tun, für das hier Harald Redmer steht. Er spricht Wolf Wondratscheks 1974 erschienenen Gedichtband Chuck’s Zimmer. Chuck ist ein Einzelgänger, der im Traum nicht ans Kinderkriegen denkt und doch einen Sohn in die Welt setzt. In Wondratschecks letztem Roman, Das Geschenk (2011), begegnen sich Vater und Sohn wieder. Der Sohn malt Bilder, die der Vater nicht versteht.

Ruth Schultz, Kai Niggemann und Kaja Jakstat, die gemeinsam als Paradeiser Productions firmieren, gehen in Violent Dancing solchen Generationskonflikten nach, lassen Kunst und Subkultur, Erwachsensein und Adoleszenz im Tanz aufeinanderprallen. Und problematisieren damit zugleich den Versuch, authentische Jugendkultur auf die Bühnen des Stadttheaters zu bringen, als deren Widerpart sich diese Subkulturen doch erst konstituieren.

Wenn der Mosh ins Tanztheater kommt, tut also Erklärung not. Die liefern Vladimir Dontschenko, Pauline Hemelt und Peter Martens. Sie sind Hardcore-Szene-Aktivisten und haben ihre Tänze und Musik mitgebracht. Letztere reicht naturgemäß aus, um ein paar Zuschauer zu verjagen. Ihres Kontextes entbunden, gleichsam unter Laborbedingungen, nimmt sich das energetische Geknüppel allerdings eher aus wie ein Freak, den man bestaunen kann; das Publikum reagiert mit einer Mischung aus Unverständnis und Amüsement.

Violent Dancing führt die Unvermittelbarkeit noch im Versuch der Übersetzung vor: verbal durch die Hardcore-Kids, tänzerisch durch Judit Abegg, die Bewegungen des Violent Dancing – windmühlenartig kreisende Arme, das Stampfen, den Griff nach den Sternen – aufnimmt und in Bewegungen des modernen Tanzes überführt. Die Versuche der Vaterfigur, dem auf die Spur zu kommen, was die jungen Leute von heute da treiben, scheitern zwangsläufig – was Harald Redmer mit den Worten Wondratschecks wiederum virtuos auf die Bühne bringt, mit viel von jenem berüchtigten Verständnis, das eigentlich völlige Verständnislosigkeit meint: „Ist Hardcore lauter als Deep Purple zu ihren besten Zeiten? Lauter als Jimi Hendrix?“ Dontschenko kann das nur lapidar bejahen. „Wir hatten damals auch Spaß“, gibt Redmer als Wondratschecks Chuck zu Protokoll. Was natürlich aufs Beste beweist, dass er eben nicht begreift, was da passiert.

Einerseits zumindest. Denn andererseits ist es fast das Gleiche. Chuck steht auf Boxen, Dampf ablassen, Energie – im Wesentlichen das, was auch die Mosher wollen. Aber eine Subkultur ist eben nur so lange eine, wie sie von „denen“ nicht verstanden und nicht vereinnahmt wird.

Violent Dancing Am 10. und 11. Mai im Theater im Ballsaal, Bonn. Weitere Termine: paradeiserproductions.com

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