Lauter letzte Kämpfe

Arbeit 55 Romane hat Stephen King nun geschrieben, inklusive „Mind Control“, dem neuen Wurf. Die Erzählmaschine läuft also rund, und das ist schon okay
Georg Seeßlen | Ausgabe 38/2016 1

Wie soll man einen Roman von Stephen King rezensieren, ohne ein unverzeihliches Spoiler-Verbrechen zu begehen? Lesern der ersten beiden Bände der Mr-Mercedes-Trilogie, die mit Mind Control – im Original weniger eindeutig End of Watch – abgeschlossen wird (oder vielleicht doch nicht ganz?), sind zumindest die Hauptpersonen bekannt: der Böse, der einmal mehr mit einer Clownsmaske eingeführt wurde, Brady, aus Inzest und Misserfolg entstandenes Monster; der Gute, der Detective beziehungsweise Ex-Detective Kermit William Hodges, in die Jahre gekommen und im Wesen herzensgut; seine Partnerin, die vom Leben und der Familie gezeichnete Holly. Und Nebenfiguren mit klaren Konturen und benennbaren Problemen.

Der Kampf des Guten gegen das Böse gewinnt an Dringlichkeit, weil beide dem Tod näher sind als dem Leben. Brady vegetiert katatonisch in einer psychiatrischen Anstalt, bis dem Wesen in seinem Inneren, das zunächst niemand wahrnimmt, klar wird, dass es über neue Kräfte verfügt. Es kann die Jalousien und die Bettdecken bewegen, aber das ist natürlich erst der Anfang. Eine Schlüsselrolle wird eine alte Spielkonsole mit einem simplen Fische-Spiel innehaben, die sich als Selbstmordmaschine verbreiten wird. Der Gute dagegen hat eine niederschmetternde Diagnose von seinem Arzt erhalten, und nun muss er die Ursachen dieser sonderbaren Selbstmordserie in der Stadt sozusagen im Wettlauf mit dem Tod aufklären. Ach ja, er betreibt zusammen mit Holly die Agentur Finders, Keepers, die aus rechtlichen Gründen nicht Detektei genannt werden darf, hat aber noch Beziehungen zu seinen alten Kollegen von der Polizei.

Brady also macht sich in der Art eines Gehirnfressers Menschen in der Klinik und außerhalb gefügig, vor allem um Rache an seinem Widersacher und dessen Partnerin zu nehmen. Sie war es, die ihn durch einen sehr heftigen Schlag mit einem mit Blei gefüllten Tuch von seinem letzten Vorhaben, einem Massenmord während eines Konzerts, abhielt und ihn in die „Matschbirne“ verwandelte, als die er nach außen hin immer noch gilt, was Brady zunächst freilich nicht weiß. Und jetzt gilt es. Es ist mal wieder ein letzter Kampf. Im Angesicht des Todes.

Glanzzeiten

Die Konstellation ist der perfekte Ausgangspunkt zur Spannungserzeugung und nimmt eine rasante Geschwindigkeit auf, nachdem es im zweiten Teil ein wenig zu viele Hänger gab, aber das ist das ungeschriebene Gesetz der Trilogie. Vorhersehbar ist dieses und jenes gewiss, aber die alten Tricks sind halt immer noch die besten. Man hat das Gefühl, im Roman stecke schon der Entwurf zum Drehbuch. Und richtig! Die gesamte Mr-Mercedes-Trilogie wird uns bereits im nächsten Jahr in Form einer Fernsehserie präsentiert. „Ich schreibe“, sagt Stephen King, „immer so, als hätte ich einen Film vor mir.“ (Wahrscheinlich deswegen kann er es auch nicht leiden, wenn sich die Filme, die aus seinen Stoffen entstehen, wie Stanley Kubricks Shining, zu sehr von dem Film entfernen, den er beim Schreiben vor Augen hatte. Mr King hat, freundlich gesagt, offenbar eine eher traditionelle Film-Vorstellung.) Deshalb fällt es vielleicht auch mit der Zeit auf, dass der Roman ein bisschen zu viel Regieanweisungen hat, wo man als Leser gern ein wenig eigene Fantasie investieren würde.

In seiner schriftstellerischen Glanzzeit, in der es ihm allerdings persönlich wohl nicht so besonders gut ging, was vermutlich nur zu einem Teil an den besorgniserregenden Mengen von Alkohol und Kokain lag, mit denen er seine Schreibnächte beflügelte, traf Stephen King mit seinen Horrorerzählungen aus der realen Welt (des weißen amerikanischen Mittelstands) tief ins Herz seiner Gesellschaft. Er begab sich, wenn auch auf angenehm smoothe Art erzählend, dorthin, wo’s wehtat. In die Familienaufstellungen und Nachbarschaften, in Bigotterie und soziale Kontrollen, in die Aufstiegshoffnungen und Identifikationsmöglichkeiten einer Welt, die bei weitem nicht so heil ist, wie sie sich gern darstellt. Und einen grimmigen, wenn auch nicht allzu subtilen Humor packte Stephen King gelegentlich obendrauf.

Immer ein bisschen mehr

Der „klassische“ King-Stoff fand irgendwann in den 90er Jahren seine Grenzen. Das hatte auch damit zu tun, dass es die Fassade, hinter der das kingsche Grauen lauert, gar nicht mehr gibt. Castle Rock, das Zentrum der King-Welt, hatte die Wendung vom drastischen zum sublimen Horror noch verkraftet; das war die Welt, die der Autor von Kindheit auf kannte, hasste und liebte. In Kings Romanen und Erzählungen kündigte sich der Untergang dieser Welt an, der dann auch kam, wenn auch mit weniger Drama. Aber mit beinah genau solcher Brutalität.

Die narrative Instanz Stephen King hatte, sagen wir so um das Jahr 1995, seine Schuldigkeit getan. Aber King hatte da schon sein Repertoire erweitert. Wie in Misery funktionierte mehrfach ein Spiel zwischen Autor und Leser. Er tauchte tiefer in die Psyche seiner Helden wie in Dolores, ließ manchmal den Horror nur noch im Hintergrund wirken. Und schließlich entwickelte er Mehrteiler wie The Green Mile oder The Dark Tower. Diese epische Mischung aus Fantasy, Western, Science-Fiction, Horror und Stephen-King-Zitaten und -Varianten offenbart endgültig die Verwandlung eines populären zeitgenössischen Autors in eine gut geschmierte Erzählmaschine.

Eine Erzählmaschine, die man auch in der Mr-Mercedes-Trilogie an der Arbeit sieht, einem Crossover von melancholischem Hard-boiled-Krimi-Revival, Psycho-Monster-Horror à la Thomas Harris und Stephen-King-Alltagsalp. Erzählmaschine klingt aber böser, als es gemeint ist. Es gibt weiß Gott schlechtere Arten, mittellange Zugfahrten zu füllen.

Stephen King will aber immer ein bisschen mehr. Dass er in Mind Control von einer Selbstmordwelle erzählt, von Menschen, bei denen nicht viel fehlt, um eine unterschwellige Todessehnsucht oder wenigstens einen fundamentalen Mangel an Lebenslust und Zukunftshoffnung an die Oberfläche zu befördern, dass eine Stimmung der Agonie nicht nur in der Haupthandlung vorherrscht und das Böse die kürzeste Verbindung von dysfunktionaler Familie und terroristischem Anschlag ist, das alles ist gewiss nicht nur der Binnenlogik seines Romanwerks geschuldet. Stephen King meint auch Amerika, wenn er von seiner kleinen Welt spricht, in der alles mit allem so seltsam verbunden scheint. Auch die Konfrontation einer Heldin aus dem schwarzen Mittelstand mit dem „richtigen Leben“ im afroamerikanischen Ghetto will wohl mehr sein als eine Vermehrung der begrenzten Schauplätze.

Und dann gibt es natürlich auch noch Statements über die Benutzung von Smartphones und Gameboys, über die ungute Verteilung von Empathie und Zynismus in sozialen Einrichtungen, über die gefährliche Produktion von einsamen Menschen, und dabei gibt erstaunlich milde, fast zärtliche Beschreibungen von menschlichen Beziehungen. Im Zentrum der Erzählmaschine steckt immer noch ein Mensch, der nicht einsam sein will.

Aber all das macht natürlich auch seine literarischen Schwächen deutlich. Diese autobiografische, therapeutische, zornige Dringlichkeit ist ja ohnehin längst dahin. Jetzt schweift King gern einmal ab, streckt die Handlung, beschreibt mehr als zu entfalten, seine Witze sind eher platt, seine Charaktere plakativ, seine Sicht auf neuere Erscheinungen in Kultur und Kommunikation die eines älteren Herrn, der sich bemüht, den Anschluss nicht zu verlieren und es gerade dadurch offenbart. Das ist alles weiter nicht schlimm, denn das Vertrackt-Schöne am Stephen-King-Schreiben ist es ja gerade, dass die Erzählmaschine immer auch Einblick ins eigene Funktionieren gibt.

Der Kampf lohnt sich

Vielleicht gibt es so etwas wie eine Krise des US-amerikanischen Bestsellerzeitbilds. Thomas Harris, nach seinem Hannibal-Nachklapp, bei dem er sich endgültig in der kaputten Psyche seines gebildeten Kannibalen zu verlieren schien, schweigt; Dean Koontz – versunken in einem Alterswerk von merkwürdiger Erbauungsliteratur; George R. R. Martin hadert mit einer Schreibblockade; Stephenie Meyer will partout nichts mehr einfallen, und Danielle Steel recycelt noch den recyceltsten Schmonzes. Im alten Europa betreibt derweil Joanne K. Rowling eine Mischung aus Neuanfang und Resteverwertung. Und Stephen King? Schreibt und schreibt.

Das ist der 55. Roman von Stephen King in 40 Jahren Erzählarbeit; sechs Seiten am Tag, drei bis vier Stunden Arbeit. Dazwischen ist King derzeit damit beschäftigt, unermüdlich gegen Donald Trump zu twittern, seine Filmprojekte voranzutreiben und sich seinen Fans zu erklären. Stephen King war immer ein engagierter Vertreter der Liberalen und scheute auch vor deutlichen Worten nicht zurück, wenn es um die absurde Wirtschaftshörigkeit seiner Gesellschaft ging. Und zugleich vermittelte er immer auch das Gefühl, dass sich ein Kampf gegen das inhärente Böse lohnen würde, dass die Guten eine Überlebenschance haben. Ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Mind Control mit einer tröstlichen Szene endet. Mit dem Weg vom Friedhof ins Kino.

Info

Mind Control Stephen King Bernhard Kleinschmidt (Übers.), Heyne 2016, 528 S., 22,99 €

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