Lauter verkehrte Werte

Nationales Erziehungsprogramm Wie soll die Union etwas vermitteln, über das sie selbst uneins ist?

Es ist schon erstaunlich, dass die Initiative für eine werteorientierte Erziehung von Staats wegen ausgerechnet aus der Union kommt. Ein von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) initiiertes staatliches "Bündnis für Erziehung" soll den Kindern wieder mehr Werte vermitteln. Dabei war doch gerade die Union in der Vergangenheit immer Garantin für einen Staat, der sich möglichst aus den Angelegenheiten von Erziehung und Familie heraushielt. Aus diesem Grund hat sie sich jahrzehntelang Ganztagsschulen versperrt, am Modell der Einverdiener- und Hausfrauenehe festgehalten und vor sozialistischen Verhältnissen gewarnt, wo Kindererziehung angeblich allzu früh und täglich zu lange staatlichen Händen überlassen wurde. Familie war ein Wert an sich, vor staatlichem Zugriff zu schützen, die erziehende Mutter ein Sinnbild für Nestwärme, vorausgesetzt, sie hegte nicht Vorstellungen von finanzieller Unabhängigkeit oder beruflicher Selbstverwirklichung. Noch als das Land Berlin im vergangenen Jahr Ethik als Pflichtfach einzuführen plante, warnten konservative Stimmen davor, hier würde sich das Gespenst eines DDR-Obrigkeitsstaates zurückmelden, der seinen Untertanen sagen wolle, was moralisch gut und richtig sei und wie sie ihr Leben führen sollen.

Doch nun ist in der Union alles anders. Sie stellt eine DDR-sozialisierte Kanzlerin und eine auslandserfahrene Familienministerin, die beide flächendeckende Kitas für eine Selbstverständlichkeit halten. Von der Leyen setzt das Erbe von Renate Schmidt (SPD) gegen die bayerische CSU durch, die bereits halb wehrlos am Boden liegt und sich allenfalls noch japsend gegen so genannte Vätermonate zur Wehr zu setzen versucht. "Der Staat sollte nicht vorschreiben, von wem die Kinder erzogen werden", kritisierte gerade CSU-Generalsekretär Markus Söder und ahnt offenbar nicht, dass der Zug der Union schon abgefahren ist.

Wie zur Versöhnung mit den gottesfürchtigen Kollegen im Süden lud die Familienministerin zum Auftakt des nationalen "Wertegipfels" vergangene Woche lediglich die Vertreter der beiden christlichen Kirchen. Damit ließ sie von vornherein keinen Zweifel aufkommen, um welche Werte es ihr ging. Trotz vehementer Kritik im Vorfeld setzte sie damit ein Zeichen. Denn abgesehen davon, dass ein sich säkular verstehender Staat religiöse Fragen anderen überlassen sollte, findet dieser Wertegipfel im Umfeld einer Debatte um die Integration von Bürgerinnen und Bürgern türkischer und arabischer Herkunft statt, die von Ereignissen an der Berliner Rütli-Schule und dem Gerichtsurteil im Mord an Hatun Sürücü ausgelöst wurde. In diesem Kontext ist das Hochhalten christlicher Moral zumindest eine Provokation. "Wir sind die Besseren und werden es Euch auch beibringen", sagt diese Symbolpolitik. Freilich zielt auch eine geforderte Kindergartenpflicht vornehmlich auf die Sprösslinge aus Migrantenfamilien. Und hatte nicht gerade erst Bischof Huber die Mordtat an Hatun Sürücü zum Anlass genommen, die "eigenen Werte" hochzuhalten?

Einer Ministerin wie von der Leyen, die ihre Erziehungskompetenz quasi siebenfach vor sich herträgt, hätte man allerdings etwas mehr Beschlagenheit zugetraut in der Frage, wie sich Werte eigentlich vermitteln. Hängt sie wirklich der Vorstellung an, ein Werte- und Erziehungsgipfel könnte in überschaubarem Kreise Leitwerte ausbaldowern, um diese dann quasi im Top-Down-Verfahren über bestimmte elterliche Kanäle zielsicher in die Köpfe der lieben Kleinen zu implantieren? Schön wär´s, dann könnte man ja ganze Generationen von Pädagogen schlicht und einfach zu Gärtnern machen, pädagogische Bibliotheken historischen Archiven übergeben und hätte mit einem Schlag auch das Problem der kulturellen Unterschiede gelöst.

So einfach nicht ist es natürlich nicht - Gott sei dank, ist man fast versucht auszurufen. Man muss sich gar nicht so sehr über von der Leyens Wertegipfel aufregen, denn er wird sowieso nichts ausrichten, jedenfalls nicht, solange er nicht über viel Geld verfügt und in bestimmte Bildungsprogramme steckt. Geld, das unser Bildungssystem fraglos nötig hätte. Doch von der Leyens Kasse ist mit dem Elterngeld schon geschröpft.

Das eigentliche Problem liegt in der Union selbst. Die Familienministerin gehorcht mit ihren Forderungen zwar vordergründig dem aufgeregten Ruf der Demographen und ihren apokalyptischen Zahlenspielen, die sagen, in Deutschland hätten schon längst mehr Kinder geboren werden müssen. Aber auch ohne Demographieproblem verlangt sie eigentlich nur das für eine Nationalökonomie Rationale und Notwendige. Denn die ökonomische Vernunft fordert die Ausnutzung des Humankapitals, welches das Arbeitspotenzial zumeist gut ausgebildeter Frauen bereitstellt. Deshalb darf man in dieser Logik nicht länger einen Arbeitsausfall von Frauen, die Kinder bekommen, hinnehmen und muss dafür sorgen, dass sie der Wirtschaft zur Verfügung stehen und ausreichend Kita-Plätze vorhanden sind.

Dass seit einiger Zeit in regelmäßigen Abständen die Konservativen eine Debatte um Werte initiieren - den Kampfbegriff Leitkultur mittlerweile vermeidend -, kann man getrost als Symptom für eine zwiegespaltene Partei lesen. Das ganze Emanzengequatsche um Frau und Beruf, Kita-Plätze und Ganztagsschulen, für das von der Leyen von der Bundeskanzlerin auch noch demonstrativ den Rücken gestärkt bekommt, stürzt die Union in eine tiefe Krise des Umbruchs. Das konservative Lager ist in seinen Grundfesten verunsichert, steckt selbst in einem Wertedilemma. Denn viele Traditionalisten in der Union hängen noch am klassischen Familienbild eines Udo di Fabio, das ihnen immer heilig gewesen ist: Der Mann sorgt fürs Finanzielle, die fürsorgliche Mutter erwartet mittags die Kinder mit einem warmen Essen. Paradoxer Weise ist dieses Familienbild und die damit verbundene Vorstellung von Gemeinsinn vielleicht dem vieler türkischer Bürger in unserem Land viel näher als der Individualismus einer Doppelverdienerfamilie, den die Nationalökonomie sich wünscht.

Das bringt die Union ins Schwimmen. Da hilft es wenig, dass sie sich übergangsweise ein sozialdemokratisches Gewand anzieht und von sozialer Gerechtigkeit spricht, oder Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität vor sich herträgt, gegen die sowieso niemand sein kann. Die tief gespaltene Union muss erst mal selbst eine Wertedebatte führen: Will sie die traditionelle Familie (und diese Wählerschaft) oder den ökonomischen Modernismus. Jetzt beginnt die CDU eine Debatte über ein neues Grundsatzprogramm. Mit Ronald Pofalla, der ein neues Familienbild fordert, an der Spitze einer 69-köpfigen Grundsatzkommission ist bereits ein Signal gesetzt.


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00:00 28.04.2006

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