Lauterbach juckt die Spaltung scheinbar nicht

Corona Die von der Kultusministerkonferenz beschlossene Rückkehr ins Klassenzimmer ist richtig. Gerade benachteiligte Kinder brauchen den persönlichen Kontakt
Lauterbach juckt die Spaltung scheinbar nicht
Schule mit Abstand. Das kann und sollte funktionieren

Foto: Alex Grimm/Getty Images

In etlichen Bundesländern enden die Sommerferien – nach Monaten der Improvisation ist nun der schulische „Regelbetrieb“ das erklärte politische Ziel. Doch die Corona-Zwangspause hat die gesellschaftliche Spaltung massiv verstärkt. Von Normalität wird auch im Herbst keine Rede sein können.

Schulen haben neben der Vermittlung von Wissen eine Betreuungsfunktion, die die Erwerbstätigkeit beider Elternteile erst ermöglicht. Als sie zusperrten, sollte es die alte Kleinfamilie richten, genauer: die Hausfrau. Trotz des schleichenden Abschieds vom männlichen Ernährer auch in Westdeutschland leisten überwiegend Mütter Sorgearbeit. Nun sollten sie auch noch Lehrerinnen sein. Aus dem Intermezzo drohte ein Dauerzustand zu werden. Verstärkt haben diese Hoffnungslosigkeit Politiker wie Karl Lauterbach, der trotz SPD-Parteibuch die psychosozialen Folgen des Lockdowns fast ignorierte; wie ein Mantra prognostizierte er, es werde auf absehbare Zeit keinen regulären Schulbetrieb geben.

Im Eigenheim lassen sich Kontaktverbote besser aushalten als in engen Etagenwohnungen. Dort fehlt der Platz für die Schulaufgaben, öffentliche Ausweichpunkte wie Bibliotheken waren zeitweise geschlossen. In vielen einkommensschwachen Familien gibt es nur Handys, aber weder funktionierende Mailadresse noch Drucker. Die von der Bundesregierung aufgestockte Förderung virtueller Bildung enthält zwar Zuschüsse für Endgeräte zugunsten armer Kinder, doch mit 150 Euro fallen sie mager aus. Die meisten Digitalpakt-Gelder fließen zudem erst in den nächsten Jahren, mit Schwerpunkt auf Lernprogrammen. Das hilft vor allem den Privilegierten, die über digitale Infrastruktur und eigenes Zimmer verfügen.

Noch schwerer wiegt das „kulturelle Kapital“, wie es der Soziologe Pierre Bourdieu genannt hat: die Bildungsressourcen der Eltern. Wenn Mama und Papa studiert haben, können sie meist besser helfen. Aktuelle Untersuchungen belegen, dass die Sprachkompetenz der Kinder von Geflüchteten während des Lockdowns gesunken ist, weil in den Familien kein Deutsch gesprochen wird.

Schon im April wies das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) darauf hin, dass nur 15 Prozent der Zwölfjährigen und 27 Prozent der 14-Jährigen aus Hartz-IV-Haushalten einen eigenen Rechner nutzen. Auch mit Büchern oder Software sind sie mangelhaft versorgt. Das IW regte schulische Chancenbeauftragte an; wer zu Hause keine Lernmöglichkeiten habe, solle möglichst bald an die Schule zurückkehren.

Verkehrte Welt: Ein arbeitgebernahes Institut warnt vor einer Verschärfung der gesellschaftlichen Spaltung, ein sozialdemokratischer Mediziner pflegt medienwirksam seinen einseitigen Virologen-Tunnelblick. Mit dem Ferienende verschärfen sich verteilungspolitische Debatten nun: Welche Interessen haben Vorrang? Warum sind Abiprüfungen wichtiger als die Bildungschancen migrantischer Kinder? Wie die in der Hochphase der Pandemie entstandenen Wissenslücken, die Ferienkurse nicht vollständig ausgleichen konnten, füllen?

Benachteiligte Kinder brauchen persönlichen Lernkontakt, wie er im Digitalen nur begrenzt möglich ist. Deshalb ist es richtig, dass sich die Kultusministerkonferenz auf den „Regelbetrieb“ festgelegt hat. Doch warum sind umfassende Corona-Tests an Schulen weiter nicht vorgesehen? So beginnt gerade ein für alle Beteiligten riskantes Experiment.

Von Thomas Gesterkamp erschien jüngst das Online-Dossier Schule in Zeiten der Pandemie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung

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